Oskar Lafontaine Alpha und Omega

Oskar Lafontaine hat sich im Saarland einst politisch habilitiert - nun will er sich dort rehabilitieren.

Ein Kommentar von Heribert Prantl

In Österreich gilt der Ungar als ein Mensch, der als Letzter in eine Drehtür geht, aber als Erster wieder herauskommt. Im Saarland heißt so ein Mensch Lafontaine. Er geht dort mit seiner Linkspartei in die nächste Landtagswahl wie in eine Drehtür.

Am Wochenende hat die Linke bei ihrem Landesparteitag im Saarland Oskar Lafontaine zum Spitzenkandidaten für die Wahl im kommenden Jahr nominiert; und die Quoten für die Wette, ob ihm der Drehtürtrick gelingt, stehen nicht schlecht. Der Mann hat die Drehtür einst selber konstruiert. Das war damals, als Lafontaine noch für die SPD Ministerpräsident in Saarbrücken war und von dort aus die deutsche Politik mitzugestalten begann. Lafontaine agiert, agitiert und politisiert heute kaum anders als früher, nur eben für eine neue Partei - und das ist das Problem für die alte.

Das kleine Saarland ist für Lafontaine Alpha und Omega. Dort hat er sich politisch habilitiert, dort will er sich rehabilitieren. Die SPD wird es dann noch schwerer haben als heute. Wenn nämlich die Linke im Saarland ein SPD-Ergebnis erzielt, wird das Druck auf die SPD im Bund erzeugen. Warum? Weil dann klar wäre, dass es frühere SPD-Wähler sind, die die Linkspartei gewählt haben, und weil sich zeigen würde, dass es Ex-Sozialdemokraten sind, die in den Landtag gewählt worden sind. Diese Erkenntnis könnte man (etwa in Hessen) auch schon heute gewinnen, aber bei weitem nicht so klar und schon gar nicht so zahlenmächtig belegt. Es wird die Frage diskutiert werden, ob die Wähler, die links von der CDU gewählt haben, sich mit dem rot-roten Rosenkrieg abfinden müssen - weil sie ja wussten, dass es diesen Krieg gibt.

Das Dilemma für die Linkspartei im Westen ist, dass Lafontaine deren Erfolg zugleich möglich und unmöglich macht. Einerseits führt er sie in den Landtag, andererseits ist er der Stein des Anstoßes bei einer Regierungsbildung. Da bräuchte es in der SPD schon einen politischen Einstein - einen Kopf also, der die Relativität von Lafontaines Verrat und Flucht für die heutige Politik darlegt und der die Brauchbarkeit der Linken für eine ordentliche Landespolitik sine ira et studio analysiert. In den neuen Bundesländern und in Berlin sind rot-rote Koalitionen Alltag; dort tut die SPD so, als sei der Makel der (wie die CDU sagt) "SED-Nachfolgepartei" aufgehoben durch deren Wahlerfolge. Im Westen kann die Linke schwerlich als SED-Nachfolgepartei gelten; sie ist hier Fleisch vom Fleisch der SPD. Der Makel heißt hier Lafontaine.

Vor einem Vierteljahrhundert hat die Hessen-SPD des Ministerpräsidenten Holger Börner nach langem Würgen die Grünen als Partner geschluckt. Die waren eine chaotische Truppe. Das Blut-Attentat des grünen Landtagsabgeordneten Frank Schwalba-Hoth, der im Landtag einen US-General mit Blut bespritzte, ist 25 Jahre her. Mit Blut spritzt die Linke nicht. Aber an ihrer Spitze steht halt nicht ein Joschka in Turnschuhen, sondern ein Oskar mit Vergangenheit.