Von Thomas Avenarius

In Afghanistan knüpfte der Extremist Kontakte zu Islamisten in der ganzen Welt. Seine Aufrufe zum Heiligen Krieg gegen die USA sind Legion.

(SZ vom 13.09.2001) - Irgendwo in Afghanistan dürfte in diesen Stunden ein Mann auf der Flucht sein: Mit Sicherheit wechselt Osama bin Laden mehrmals am Tag seinen Aufenthaltsort, fährt im Jeep auf Umwegen über die Schotterpisten und die zerschossenen Straßen zwischen Kandahar und Kabul, gefolgt von schwer bewaffneten Leibwächtern, auf der Suche nach einem vor US-Raketen und Bombern sicheren Aufenthaltsort.

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USA jagen bin Laden

Daran, dass die US-Regierung den geheimnisvollen Araber für den Drahtzieher des Terror-Infernos von New York und Washington hält, kann es derzeit nur wenig Zweifel geben - US-Ermittler sprechen von ersten handfesten Hinweisen.

Bin Laden weiß, was ihm droht: 1998 hatten die USA Afghanistan schon einmal angegriffen. Die Luftschläge galten allein dem saudiarabischen Millionär, auf dessen Kopf die Amerikaner eine Belohnung von fünf Millionen Dollar ausgesetzt haben und der als "Terrorist Nummer eins" längst der meistgesuchte Mann der Erde ist. Die US-Luftangriffe zerstörten seinerzeit mehrere der zahlreichen Terror-Trainingslager des Arabers - bin Laden selbst aber entkam.

Ladens Dank an Gott

Auch wenn nüchtern gesehen weiter unklar ist, wer hinter dem Terror-Inferno von New York und Washington steckt und nicht einmal ausgeschlossen werden kann, dass amerikanische Untergrundgruppen verwickelt sind: Die Hinweise auf eine Beteiligung des in Afghanistan lebenden bin Laden lassen sich schwer von der Hand weisen.

Zwar hat er in einem Interview seine Beteiligung an den Attentaten in Amerika bestritten. Er hat es aber nicht versäumt, die Terrorakte gleichzeitig zu rechtfertigen als Aufbegehren "Unterdrückter" gegen den US-Weltpolizisten und "Gott zu danken" für die Bluttat.

Mit oder ohne Hinwendung zu Allah - bin Ladens Dementi ist nicht glaubwürdig: Immer wieder hat er öffentlich zum "Heiligen Krieg" gegen die USA aufgerufen. "Es ist die Pflicht jedes Muslims, Amerikaner und ihre Verbündeten an jedem Ort zu töten - seien es Militärs oder Zivilisten", lautete eine der Erklärungen, mit denen er seine in Afghanistan trainierten Kämpfer immer wieder motiviert.

Wiederholungstäter

Stärker als solche Worte aber wiegen die über die Jahre angesammelten Indizien für die Rolle des 46-Jährigen als eine Art Paten des weltweiten islamistischen Terrors.

Die Liste der Vorwürfe ist lang: Angeblich soll er in fast alle wichtigen Anschläge gegen die USA verwickelt gewesen sein, die es in den vergangenen Jahren gab, angefangen mit dem Bombenattentat auf das World Trade Center 1993, gefolgt von den Attacken gegen US-Garnisonen in Saudi-Arabien.

Dann die Terrorangriffe gegen die US-Botschaften in Kenia und Tansania 1998, zuletzt der Kamikaze-Einsatz eines Schnellbootes gegen das US-Kriegsschiff Cole im Jemen.

Auch in Europa sollen seine Gefolgsmänner aktiv sein: Deutsche Fahnder kamen im Frühjahr einer Gruppe algerischer Terroristen auf die Spur, die einen Anschlag in Straßburg planten.

Chefideologe, Führer, Finanzier

Die lange Liste der Vorwürfe gegen eine Person wirkt auf den ersten Blick absurd - wie sollte ein Einzelner von einem isolierten Land wie Afghanistan aus so viele Anschläge planen können? Doch absurd ist dies nach Meinung von Geheimdienstexperten nicht - wenn man bin Laden nicht als den eigentlichen Organisator der Attentate betrachtet.

Er sei vielmehr der als moralisches Vorbild verehrte Chefideologe, Finanzier und ideelle Führer einer ganzen Reihe lose zusammengeschlossener Terrorzellen rund um die Welt. Bin Laden als eine Art Senior-Chef eines weltweiten internationalen islamischen Terror-Netzwerkes also - das macht Sinn auch vor dem Hintergrund der Biographie dieses Mannes.

Die Keimzelle des Terrors

Die entscheidende Phase im Leben des Sohnes eines saudiarabischen Bauunternehmers war seine Teilnahme am Afghanistan-Krieg. In dem von Ende 1979 bis 1989 dauernden Kampf der "Gotteskrieger" gegen die sowjetischen Invasoren knüpfte der studierte Ökonom Kontakte zu unzähligen Muslimen aus aller Welt, zu Kämpfern, zu Politikern und zu Religionsgelehrten.

Der pakistanische Journalist Achmed Raschid, der sich seit Jahren mit Afghanistan, der dort herrschenden radikalislamischen Taliban-Miliz und mit bin Laden beschäftigt, sieht in den "islamischen Internationalisten" aus dem Afghanistankrieg die Keimzelle und nicht versiegende Reserve für bin Ladens Terror-Netzwerk "Al Quaida".

Militärisch bestens ausgebildet

Es sind zehntausende muslimischer Männer, die ihre ideologische und militärische Ausbildung im Krieg gegen die Sowjets und im darauf folgenden afghanischen Bürgerkrieg gewonnen haben. Militärisch bestens ausgebildet kehrten sie in ihre Heimatstaaten zurück; frustriert von den in den meisten islamischen Staaten herrschenden Despotien und den harschen sozialen Verhältnissen gingen sie in den Untergrund.

Die Afghanistan-Veteranen bildeten, so analysieren Raschid und der US-Journalist John Cooley übereinstimmend, eine Keimzelle der algerischen Islamisten, die Bürgerkrieg gegen die korrupte Regierung in Algier führen.

Sie finden sich in den Reihen der palästinensischen Untergrundorganisationen, sie kämpfen in den ägyptischen Fundamentalistengruppen und an der Seite der tschetschenischen Rebellen, sie tauchten in Bosnien auf und auf den Philippinen. Nicht umsonst nennen sich die auf den Philippen kämpfenden Islamisten Abu-Sayyaf-Gruppe: Abu Sayyaf führte eine Fraktion der "Gotteskrieger" im Kampf gegen die Sowjets an.

Mittelpunkt Al Quaida

Aus diesem unübersichtlichen Haufen und Untergrundbewegungen speist sich bin Ladens Netzwerk. Offenbar steht er mit seiner Al Quaida als eine Art zentrale Schalt-, Verbindungs- und Finanzstelle im Mittelpunkt des Terrorgeflechts.

Aus den einzelnen Zellen gehen dank religiöser Gehirnwäsche in den Koranschulen Pakistans und anderer Staaten genug zu allem entschlossene Attentäter hervor. Und die haben vor dem Hintergrund des Golfkrieges und der Vorgänge in Palästina Amerika als den eigentlichen Gegner im "Heiligen Krieg" ausgemacht.

Die USA trainierten ihre Feinde

Die Tragik liegt darin, dass die Amerikaner selbst die erste Generation dieser Internationalen des Muslim-Terrors ausgebildet haben. In dem von Saudi-Arabien, Iran und den USA finanzierten Krieg gegen die Sowjettruppen war Washington jedes Mittel recht - auch die Ausbildung und Bewaffnung zehntausender Afghanen und ihrer aus der muslimischen Welt anreisenden Glaubensgenossen.

Die USA trainierten so ihre späteren Feinde. Bin Laden selbst kehrte nach dem Ende des Afghanistan-Krieges kurz nach Saudi-Arabien zurück.

Als die dortige Regierung während des Golfkriegs aber "ungläubige" US-Truppen ins "Land der heiligen Stätten Mekka und Medina" holte, wandte er sich gegen das dortige Königshaus und wurde des Landes verwiesen. Nach einem Aufenthalt im Sudan landete er in Afghanistan und fand bei den Taliban Schutz.

Pakistans Geheimdienst bietet Schutz

Längst ist bin Laden nicht mehr nur Gast, sondern ein politischer und militärischer Faktor: seine Kämpfer kämpfen an der Seite der Taliban gegen die Reste der afghanischen Opposition.

Das Phänomen bin Laden würde sich aber nicht erklären lassen ohne die fragwürdige Rolle, die Pakistan spielt. Es sind pakistanische Geheimdienstkreise, welche die Taliban stärken und die offenbar auch eine schützende Hand über bin Laden halten.

Die Dreierkonstellation "Taliban - Pakistan - bin Laden" hatte ebenfalls ihren Anfang im Afghanistan-Krieg: Islamabads Geheimdienst ISI war die Schaltstelle zwischen den Amerikanern und den Gotteskriegern und kann so bis heute sein eigenes Spiel spielen.

Pakistan braucht die Radikalen im Kampf gegen den Nachbarn Indien und im Konflikt um die indische Muslim-Provinz Kaschmir. Auch dort kämpfen internationale Muslimkrieger einen Heiligen Krieg. Und einer derjenigen, der Geld und Kämpfer dorthin schickt, ist Osama bin Laden.

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