Beschluss zur Organspende Die Freiheit, unentschlossen zu sein

In Deutschland fehlt es an Spenderorganen. Wenn es nach den Gesundheitsministern der Länder geht, soll deshalb in Zukunft jeder persönlich gefragt werden, ob er nach dem Tod seine Organe zur Verfügung stellen will. Ein Vorstoß, der zu weit geht - niemand sollte gezwungen werden, sich für oder gegen eine Organspende zu entscheiden.

Ein Kommentar von Werner Bartens

Der Mangel an Organen ist unbestritten. Ungefähr 12.000 Menschen stehen in Deutschland auf der Warteliste für ein neues Körperteil, 5000 wurden im Jahr 2010 verpflanzt. Allein 8000 Kranke hoffen auf eine neue Niere - im vergangenen Jahr wurde aber nur 3000 Patienten eine neue Niere eingesetzt, und so dauert es im Mittel fast sechs Jahre, bis eine solche Transplantation zustande kommt.

Die anderen Patienten müssen weiterhin mehrmals wöchentlich zur Blutwäsche. Das ist nicht nur lästig und anstrengend, jedes Jahr an der Dialyse verkürzt die Lebenserwartung auch um ein Vielfaches. Viele Menschen werden daher mit der Zeit wieder von der Warteliste gestrichen. Insgesamt sind sogar 50.000 Nierenkranke auf regelmäßige Blutwäsche angewiesen; der Großteil von ihnen wird gar nicht mehr für eine Organverpflanzung in Betracht gezogen.

Doch trotz des großen Bedarfs und des Leids der Kranken sollte man die Menschen nicht dazu zwingen, sich zur Organspende erklären zu müssen. Eine Spende erfolgt freiwillig, die grundsätzliche Bereitschaft, seine Organe nach dem Tod zur Verfügung zu stellen, auch. Wer sich als junger Erwachsener - zum Beispiel bei Ausgabe des Führerscheins, des Personalausweises oder anderer wichtiger Dokumente - dazu äußern soll, ist wohl oft davon überfordert, sich Gedanken über die Integrität seines Körpers nach dem Tod zu machen.

Die fraktionsübergreifende Initiative und der Beschluss der Gesundheitsminister der Länder für eine solche "Entscheidungslösung" gehen daher zu weit. Zudem lässt der Vorschlag außer acht, dass auch andere Körperspenden lebensrettend sein können und immer wieder großer Mangel an Blutspenden und Knochenmarkspenden besteht.

Es ist mitunter schwierig, die eigene Unsicherheit oder weltanschauliche und religiöse Zweifel gegen die womöglich lebensrettende Hilfe abzuwägen, die man anderen mit einer Organspende gewährt.

Viele Menschen sind auch einfach zu bequem dazu, sich diese Gedanken zu machen. Diese Gedankenlosigkeit ist tödlich für manche Patienten, die auf ein neues Organ angewiesen sind. Dennoch sollte niemand dazu gedrängt werden, sein womöglich irrationales Unbehagen rechtfertigen oder in eine Entscheidung münden lassen zu müssen.

Und irrational ist die Einstellung der Deutschen zur Organspende allemal: Nur etwa 17 Prozent der Erwachsenen besitzen einen Organspendeausweis, in Umfragen geben hingegen regelmäßig 90 Prozent an, bei Bedarf selbst auf ein Spenderorgan zurückgreifen zu wollen.

Diese Haltung zur Organspende ist inkonsequent, aber dennoch zu schützen. Wer etwas nicht will, der will eben nicht, auch wenn er im Notfall von der Hilfe profitieren möchte, die er selbst zu geben ablehnt. Die Freiheit, in der Frage der Organspende unentschlossen oder inkonsequent zu sein, lässt sich nicht gegen einen konstruierten oder tatsächlichen medizinischen Mangel aufrechnen.