Von Thorsten Denkler, Berlin

Die Grünen stellen den politischen Gegner mit ihrem neuen Web-Auftritt unter Dauerbeobachtung. Nach den Leser-Reportern also jetzt der Spion, der von den Grünen kam.

Die Bundesgeschäftsführerin der Grünen hat sofort nach der Pressekonferenz was zu twittern. "Danke für eure Bewertungen! Wir haben uns Mühe gegeben." Gut, dass man das jetzt weiß. Wenige Minuten zuvor hat Steffi Lemke noch der Presse die neue Internetseite der Grünen vorgestellt, die am Morgen online gegangen ist. Das Ergebnis: viele Bilder, viele Videos, viel Grün.

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Die Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl, Renate Künast und Jürgen Trittin: Die Grünen sind die dritte Partei, die einen neuen Web-Auftritt präsentiert. (© Foto: dpa)

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Die Grünen sind die dritte Partei, die nach CDU und SPD einen neuen Web-Auftritt präsentieren. Allen gemein ist: Die Fotos sind größer, Videos sind zu einem zentralen Marketing-Instrument im Netz geworden und natürlich stürzen sich alle auf sie sozialen Netzwerke im Web 2.0. Twitter, Youtube, StudiVZ, Facebook - ohne diese vier Plattformen scheint der Wahlkampf im Netz nicht zu gewinnen sein.

Wer nach Besonderheiten der grünen Definition eines Online-Wahlkampfes sucht, der muss sich erst mühsam durch die Seiten graben. Die Chance, das Wahlprogramm der Grünen zu diskutieren, ist keine Besonderheit - das macht etwa die FDP schon lange.

Auch Mitmach-Bereiche sind keine Eigenheit der grünen Online-Strategie. Da haben CDU und SPD schon Vorarbeit geleistet. Und wie Barack Obama im US-Wahlkampf setzen auch die Grünen auf Kleinspenden ab drei Euro. Akzeptiert werden Kreditkarten und Bankeinzug.

Interessant wird es erst im Detail. Da können sich etwa registrierte Unterstützer ein Großflächenplakat der Grünen direkt vor die Haustür kleben lassen, so denn dort eine Plakatfläche zu Verfügung steht. Sogar das Motiv soll sich der Plakatbegeisterte aussuchen dürfen. Ein Grünen-Wähler, den es wegen der Familie in einen eher bürgerlichen Vorort verschlagen hat, kann so - gegen eine Spende natürlich - gezielt seine Nachbarn ärgern.

Beobachtenswert ist auch das Tool "Gegnerbeobachtung". Dafür haben die Parteien eigentlich hauptamtliche Mitarbeiter. Die fahren auf Parteitage der anderen und schreiben dann für die Parteispitze Berichte und Dossiers über die inhaltlichen Debatten der Konkurrenz.

So wie die Bild-Zeitung den Leserreporter erfunden hat, wollen die Grünen jetzt die Gegnerbeobachtung sozialisieren. Gut vorstellbar, dass sich künftig auf Wahlveranstaltungen der CDU zunehmend Anhänger der Grünen tummeln. Reizfiguren wie der Junge-Union-Chef Philipp Mißfelder dürften sich ab sofort unter Dauerbeobachtung fühlen.

Offenheit auf die Fahnen geschrieben

Das Hochladen von Fotos ist hier erwünscht. Werden also demnächst torkelnd-volltrunkene Spitzenleute des politischen Gegners auf den Grünen-Seiten zu bewundern sein? Steffi Lemke verspricht: "Alles was denunziatorischen Charakter hat, wird nicht veröffentlicht." Mal sehen, wo die Grünen da die Grenze setzen.

Überhaupt haben sich die Grünen Offenheit auf die Fahnen geschrieben. Sämtliche Inhalte sind mit Kommentarfunktionen versehen. Und angeblich soll jeder schreiben können, was er will, solange es nicht die netzübliche Etikette verletzt. Grünen-Kritiker sollen genauso zu Wort kommen wie Grünen-Anhänger. Klingt gut, in der Praxis aber hat sich gezeigt, dass bei anderen Parteien da schnell eher zugunsten innerparteilicher Geschlossenheit gehandelt wurde. Immerhin: Auf den Facebook-Seiten der grünen Spitzenkandidaten Renate Künast und Jürgen Trittin oder dem Youtube-Kanal der Grünen sind zensorische Eingriffe der Parteizentrale nicht möglich.

Wer alle Funktionen der neuen Grünen-Seite nutzen will, muss sich übrigens registrieren. Die Grünen versprechen, mit den Daten sorgsam umzugehen. Allerdings dürfte es kaum vorstellbar sein, dass nach dem Wahlkampf die erhofften Zehntausenden Nutzerprofile allesamt gelöscht werden. So einen kostbaren Adresspool werden sich auch die Grünen nicht entgehen lassen.

Grüne Kompromisse

Und auch an anderer Stelle machen die Grünen Kompromisse. In der Zusammenarbeit mit Youtube etwa. Es ist bekannt, dass Youtube-Eigner Google Nutzerprofile über die verwendeten IP-Adressen erstellt. Tracking nennt sich das Verfahren.

Bundesgeschäftsführerin Lemke sieht das Problem, hat aber auch keine Lösung. Manchmal stießen eben auch die Grünen auf "real existierende Gegebenheiten", sagt sie. Mehr als an Google zu appellieren, das Tracking zu lassen, könne sie nicht tun. Das wird Google schwer beeindrucken.

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(sueddeutsche.de/segi)