Stiftet Sport eine "Brücke zwischen den Völkern"? Oder dienen die kommenden Sommerspiele in China als Propaganda-Fassade? Sportphilosoph Elk Franke gibt Auskunft.
sueddeutsche.de: Bei der aktuellen Diskussion über einen Boykott der Olympischen Spiele in China wird immer wieder behauptet, Sport habe mit Politik nichts zu tun. Es gehe ja immer nur um sportliche Leistungen. Stimmt das?
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Elk Franke ist Professor für Sportphilosophie in Berlin. (© Foto: HU Berlin)
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Elk Franke: Sport ist in seinem konkreten Handlungsverlauf zunächst einmal bedeutungslos. Ein 400-Meter-Läufer kommt dort an, wo er losgelaufen ist. Eine Bedeutung bekommt der Lauf erst, wenn ihm eine zugesprochen wird. Wenn zum Beispiel eine Läuferin aus Marokko den 400-Meter Lauf gewinnt, wird der Lauf für Marokko - oder auch für die Frauenbewegung in einem islamischen Land - symbolisch. Wer über Politik und Sport redet, muss zwischen dem direkten Handlungsablauf und der Bedeutung unterscheiden. Letztere ist immer gesellschaftspolitisch.
sueddeutsche.de: Eignet sich Sport vielleicht deshalb so gut für politische Zwecke, weil er selbst so inhaltsleer ist?
Franke: Ja. Sportwettbewerbe sind eine Art inhaltsfreies Drama. Weil sie selbst keine Story haben, sind sie offen für Interpretation von Akteuren und Zuschauern. Die machen das, was auf dem Rasen oder auf der Aschenbahn passiert, erst sinnvoll.
sueddeutsche.de: Ein Beispiel für die Überhöhung des Sportes sind die Worte von Thomas Bach, dem Chef des Deutschen Olympischen Sportbundes. Er hat jetzt immer wieder die "Brückenfunktion des Sports" gelobt.
Franke: Der Begriff ist eigentlich schon lange unterlaufen worden, zum Beispiel durch die Nationenwertung und den Medaillenspiegel. Der prinzipielle Konkurrenzgedanke und die gleichzeitige politische Bedeutungsaufladung verhindern, dass Sport zur Brücke zwischen den Völkern wird.
sueddeutsche.de: Aber würde Olympia ohne Nationalwertung überhaupt funktionieren?
Franke: Vor Jahren wurde ins Spiel gebracht, auf Hymnen und Fahnen zu verzichten und bei der Siegerehrung nur die individuellen Namen - ohne Herkunftsland - zu nennen. Die Folgen wären abzusehen. Die Zuschauer könnten keinen individuellen Bezug zum Athleten im Fernsehen aufbauen und damit würde es weniger Leute interesieren. Seit es im Tennis keine deutschen Spitzenspieler mehr gibt, hat auch die Aufmerksamkeit für Tennis in Deutschland nachgelassen. Die nationale Identifizierungsmöglichkeit muss gegeben sein, ansonsten bleibt nur das nutzlose Ereignis, dass irgendjemand besonders schnell 400 Meter rennt.
sueddeutsche.de: Günter Nooke, der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, hat das Internationale Olympische Komitee (IOC) aufgefordert, Protestaktionen der Sportler während der Olympischen Spiele zuzulassen. Was halten Sie davon?
Franke: Ich glaube, das war eine etwas naive Aussage. 1968 in Mexiko hat es das schon einmal gegeben. Zwei afroamerikanische Leichtathleten haben damals während der Siegerehrung die Faust nach oben gestreckt, um mit diesem Symbol der Black Panther gegen Rassendiskriminierung zu protestieren. Für die olympische Bewegung wäre es schwierig, so etwas zuzulassen. Wenn die beiden Athleten damals nicht vom IOC ausgeschlossen worden wären, wären beim nächsten Mal vielleicht zwei Mannschaften der USA aufgelaufen: eine der Black Panther und eine der übrigen US-Amerikaner. Die Aktiven haben innerhalb des geregelten Wettkampfbetriebs nur begrenzte Spielräume für individuelle gesellschaftspolitische Profilierungen.
sueddeutsche.de: Am besten wäre also ein völlig unpolitisches Olympia?
Franke: Die Zuschauer sind bei dieser Diskussion viel wichtiger als die Athleten oder die Funktionäre. Die internationalen Zuschauer, die nach Peking kommen werden, sind freier als die Sportler. Sie können die sportlichen Leistungen aus verschiedenen politischen Perspektiven interpretieren. Sie sind meines Erachtens aufgefordert, die sportliche Symbolik in ihrem jeweils eigenen Sinne zu erweitern. Etwa indem sie wie die protestierenden Tibeter die olympischen Ringe mit Handschellen darstellen, und sich auf diese Weise in die mediale Darstellung von Olympia einzumischen.
sueddeutsche.de: 1980 wurden die Olympischen Spiele in Moskau boykottiert. Hat das damals ihrer Meinung nach etwas bewirkt?
Franke: Der Boykott von 1980 hat der olympischen Bewegung nicht viel an moralischer Gerechtigkeit gebracht und auch politisch nicht viel erreicht. Dies hat dazu geführt, dass man mit dem Hebel "Boykott" heute vorsichtiger umgeht - meines Erachtens zurecht. Andererseits sind die Spiele heute ein Medienereignis, insofern sind die Medien und ihre Zuschauer gefragt, auf der Klaviatur der Mediengesellschaft aktiv zu spielen. Hier stecken noch viele Potentiale für eine wirkungsvolle Kritik.
Prof. Dr. Elk Franke, geboren 1942, hat Sport, Geschichte und Politik und später Philosophie, Soziologie und Pädagogik studiert und promovierte bei Hans Lenk - dem Philosophieprofessor, der bei den olympischen Spielen 1960 in Rom im Rudern mit dem Deutschlandachter die Goldmedaille holte. Über Hans Lenk zur Sportphilosophie gekommen, schrieb Franke seine Doktorarbeit zur "Theorie und Bedeutung sportlicher Handlungen". Seit 1995 ist er Professor für Sportphilosophie an der Humboldt-Universität in Berlin.
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(sueddeutsche.de/bavo)
Bundespräsident Gauck
ist die ganze Veranstaltung nur Werbebühne für die transnationalen Konzerne und mega-"EVENT" nach dem Motto "Opium für die Völker". Das dafür verschwendete Geld wäre auch in china an anderen Stellen besser aufgehoben.