Von Bernd Dörries

Während die CDU in Stuttgart nach den Motiven für Oettingers Rede sucht, überrascht viele die Rüge der Vorsitzenden Angela Merkel.

Am Freitagmorgen dachten manche in der CDU noch, die ganze Geschichte sei eigentlich vorbei, weil sich so ziemlich jeder geäußert habe, der für Kritik am Ministerpräsidenten Günther Oettinger (CDU) in Frage komme. Die Liste der üblichen Verdächtigen sei abgehakt, meinte einer.

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Wenige Stunden später ließ Angela Merkel in ihrer Eigenschaft als Parteivorsitzende mitteilen, dass sie sich von Oettinger "gewünscht hätte, dass neben der Würdigung der großen Lebensleistung von Ministerpräsident Hans Filbinger auch die kritischen Fragen im Zusammenhang mit der Zeit des Nationalsozialismus zur Sprache gekommen wären, insbesondere im Blick auf die Gefühle der Opfer und Betroffenen". Eine solche Distanzierung hatte man in der baden-württembergischen CDU nicht erwartet. Spätestens jetzt war klar, dass die Diskussion weitergeht.

Ein Großteil der Partei ist noch in den Osterferien oder auf dem Rückweg und fängt erst an, sich ein Bild zu machen von der Lage, die nach Oettingers Trauerrede für Filbinger am Mittwoch entstanden ist. Öffentlich verteidigten Finanzminister Gerhard Stratthaus und Fraktionschef Stefan Mappus zwar die Rede.

Im Inneren der CDU hat aber auch die Suche nach dem Motiv begonnen. Denn warum Oettinger Filbinger so deutlich freisprach, ihn fast zum Widerstandskämpfer machte, ist vielen nicht ganz klar. Die von manchen Kritikern geäußerte Vermutung, Oettinger habe das konservative Milieu der CDU bedienen wollen, bei dem er sich manchmal schwertut, wird in der Partei eher verworfen.

Es gab im überwiegenden Teil der baden-württembergischen CDU keine ausgeprägte Sehnsucht, die endgültige Rehabilitation Filbingers zu erreichen. Die Generation, die dies aktiv betrieben hatte, ist mit Gerhard Mayer-Vorfelder abgetreten. Für die meisten anderen ist Filbinger schlichtweg Geschichte, die lange her ist.

Erst mit der Kritik an Oettinger kam auch die Verteidigung von Filbinger wieder in Gang, die alten Lager formierten sich. Bei seinem Tod hatte die CDU im Land fast zur Gänze geschwiegen. Nun will man sich gerade von den Sozis nicht den Filbinger madig machen lassen.

Oettinger wusste, was er da vorlas

Die Rede, die für so viel Aufregung sorgt, wurde von einem Beamten im Staatsministerium entworfen, der für einen Filbinger-Sammelband bereits den sehr positiven Beitrag "Ein Leben für die christliche Demokratie" verfasst hatte. In das Manuskript wanderten auch Bausteine, die wortgleich von Filbingers Rechtfertigungs-Homepage übernommen wurden. "Es gibt kein Urteil von Hans Filbinger, durch das ein Mensch sein Leben verloren hätte", ist ein solcher Satz.

Im Staatsministerium gab es zwar Bedenken gegen manche Wortwahl, daraus aber einen Richtungskampf zwischen verschiedenen Lagern zu machen, den das konservative gewonnen habe, wie mancherorts gemutmaßt wurde, ist aber übertrieben. Es gehört zum Arbeitsablauf im politischen Apparat, dass Redeentwürfe hin- und herwandern, hier der eine Referent noch etwas beitragen will und dort der andere. "Man hat drei Redenschreiber und den genommen, der schon mal was zu dem Thema gemacht hatte", sagt einer aus dem engeren Kreis.

Letztlich, so wird auch betont, wusste Oettinger, was er da vorlas. Ob er auch im historischen Sinne wusste, was er tat, ist eine andere Frage. Es gehört zu seinem Arbeitsprinzip, dass er viele Ansichten vortragen lässt und sich dann für eine entscheidet, die ihm schlüssig erscheint. Und es gehört auch zu seiner Persönlichkeit, dass er die Worte manchmal vom jeweiligen Publikum abhängig macht. Man hat ihn schon reden hören wie einen Gewerkschafter, wenn die Zuhörer dazu passten.

In Freiburg, so sagt einer aus seiner Umgebung, habe Oettinger "vor allem eine Trauerrede halten wollen, die sich nicht so sehr an die Menschen da draußen richtet, an die Historiker, sondern an die Hinterbliebenen Filbingers in der Kirche". Manches sei dabei vielleicht etwas "holzschnittartig" geraten.

Und so ebbte die Kritik am Freitag nicht ab. Die einzige positive Meldung kam vom Europa-Park Rust, in den Oettinger nach der Beerdigung Filbingers gereist war und dort ausweislich einer Pressemitteilung des Freizeitparks "zwei aufregende, aber auch lehrreiche Tage" verbracht hatte: "Welche Kräfte haben Tsunamis und Lawinen? Wie funktioniert eigentlich die Steuerzentrale unseres Körpers, das Gehirn? Dieser und weiteren Fragen ging der Ministerpräsident von Baden-Württemberg gemeinsam mit seiner Familie auf den Grund." Vielleicht hat er sich auch gefragt, was er mit seiner Trauerrede eigentlich erreichen wollte.

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(SZ vom 14./15. April 2007)