Interview: Thorsten Denkler und Nico Fried

Der baden-württembergische Ministerpräsident zeigt Verständnis für Unternehmen, die sich wegen des Postmindestlohns zurückziehen. Denn Mindestlöhne vernichten Arbeitplätze und helfen nur denen, die Arbeit haben, sagt er.

sueddeutsche.de: Herr Oettinger, die privaten Postdienstleister TNT und Pin haben angekündigt, den geplanten Ausbau ihres Deutschlandgeschäftes wegen des Postmindestlohns auszusetzen. Eine Genugtuung für Sie?

Günther Oettinger; Mindestlohn; Zeitarbeit

Strikt gegen Mindestlöhne in der Zeitarbeitsbranche: Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger (© Foto: ddp)

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Günther Oettinger: Der Mindestlohn für die Briefdienste ist vereinbart, deswegen muss er auch umgesetzt werden. Wir halten Wort. Aber ich halte ihn für sehr fragwürdig, weil ich glaube, dass die Höhe von 9,80 Euro den Wettbewerb erschwert, wenn nicht gar ausschließt.

sueddeutsche.de: Wie meinen Sie das?

Günther Oettinger: Das Entsendegesetz wurde geschaffen, als Bautrupps mit Billiglöhnern aus dem Osten und auch dem Süden Europas sich bei uns um Aufträge beworben haben. Aber um ausländische Billiglöhner geht es heute in Wahrheit nicht. Es geht darum, dass deutsche Beschäftigte zu einem günstigeren Stundentarif bei Konkurrenten der Deutschen Post AG ihren Dienst tun.

sueddeutsche.de: Ist es richtig, wenn diese Anbieter sich jetzt vom Markt zurückziehen?

Günther Oettinger: Ich habe Verständnis, wenn diese Unternehmen sich jetzt überlegen, ob ihr Geschäftsmodell noch greift. Und umso eher bin ich jetzt aufmerksam und sensibel, wenn es im Frühjahr nächsten Jahres um entsprechende Anträge für andere Branchen geht.

sueddeutsche.de: Kritiker sagen, beim Postmindestlohn ginge es im Wesentlichen darum, ein Monopol zu halten. Hat sich die Koalition nicht einfach den Interessen der Deutschen Post gebeugt?

Günther Oettinger: Das ist problematisch, wenn man noch immer Großaktionär der Post ist und damit nicht völlig frei von Vermögensinteressen. Generell gilt: Die Tarifparteien haben Verantwortung für den gesamten Arbeitsmarkt und nicht nur für die ihnen zugehörigen Unternehmen und Beschäftigten. Es besteht die Gefahr, dass der Arbeitslose, der Arbeitsplatzsuchende und der Geringqualifizierte Nachteile hat und nur der, der einen Arbeitsplatz und damit eine starke Marktstellung hat, daraus Vorteile für sich ableiten kann.

sueddeutsche.de: Frau Merkel hat sich offen für weitere Branchen im Entsendegesetz gezeigt. Wo ist Ihre Schmerzgrenze?

Günther Oettinger: Jetzt warten wir mal ab, welche weiteren Branchen Anträge stellen. Viele Branchen haben ja nicht die durch einen starken Anbieter geprägte Struktur wie es die Briefdienste noch haben. Ich glaube nicht, dass der Gartenbau oder die Landwirtschaft gemeint sind, wenn die SPD für Mindestlöhne wirbt.

sueddeutsche.de: Sie hat aber deutlich die Löhne der Zeitarbeitsbranche im Fokus.

Günther Oettinger: Ich halte die Zeitarbeit in keinem Fall geeignet für einen Mindestlohn. Die Zeitarbeit muss ein Instrument bleiben, mit dem Arbeitslose in Beschäftigung kommen und mit dem Zeitarbeiter eine Chance auf Festübernahme in dem Betrieb bekommen, in dem sie eingesetzt werden. Für mich wäre die Zeitarbeit die Branche, bei der ich massiv gegen einen Mindestlohn eintreten würde.

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