Ölförderung in Norwegen An der Eiskante

Die Norweger leben vom Erdöl, aber verbrauchen es selbst kaum: die Ölplattform Goliat vor Hammerfest.

(Foto: Eni)

Die Klimapolitik des Landes ist geprägt von Widersprüchen. Während die Regierung sich bemüht, den Nordpol vor Erwärmung zu schützen, verstärkt sie gleichzeitig die Suche nach Öl und Gas.

Von Silke Bigalke, Hammerfest

Im Sommer war der Bürgermeister von Hammerfest guter Dinge. Alf Einar Jakobsen saß in seinem Rathaus 460 Kilometer nördlich des Polarkreises, sprach von Hammerfest als "Tor zur Barentssee" und von der Eisbärenjagd, zu der man von dort aus nach Spitzbergen aufbrach. Die letzte Jagd sei 50 Jahren her, geblieben ist der Eisbär als Wappentier. Zwei lebensgroße silberne Exemplare stehen als Statuen vor dem Rathaus, während man drinnen Größerem hinterherjagt: dem Geschäft mit Öl und Gas, Norwegens wichtigster Einnahmequelle. Im April ist die erste Förderplattform vor Hammerfest eingetroffen, die nördlichste der Welt.

Für den Rohstoff dringt Norwegen tiefer in die Arktis vor als jedes andere Land. In der Barentssee vermutet das Land 43 Prozent seiner unentdeckten Öl- und Gasvorräte. Anfang des Jahres hat die Regierung dort Gebiete ausgeschrieben, in denen Unternehmen nach Erdöl suchen dürfen. Kurz vor dem Klimagipfel in Paris endete die Bewerbungsfrist, 26 Konzerne wollen ihr Glück wagen. Die Erdölproduktion in der Arktis ist umstritten, die Natur ist dort sensibel. Umweltgruppen hatten gehofft, dass die Regierung es sich nach dem Gipfel anders überlegen würde. Doch die Politiker kamen mit zwei Botschaften nach Oslo zurück: Norwegen will sich an der Klimarettung beteiligen. Seine Ölindustrie einschränken wird es dafür nicht.

Norwegens Ölindustrie sieht sich als Klimaretterin

Seither wird in Oslo heftig diskutiert. Paris werde "erhebliche Folgen" für die Ölindustrie haben, sagt Ola Elvestuen von den Liberalen, Leiter des Parlamentsausschusses für Energie und Umwelt. Frederic Hauge, Gründer der Umweltorganisation Bellona, nannte das Abkommen "game over" für norwegisches Erdöl bis 2035. Er fordert, die Pläne in der Barentssee zu stoppen. Der Mann habe zu viel Lebertran getrunken, erwiderte Tord Lien, Norwegens Öl-Minister. Die Lizenzrunde in der Barentssee gehe weiter, betonte Premierministerin Erna Solberg noch in ihrer Weihnachts-Pressekonferenz. "Wir glauben, dass es in einer Situation, in der wir die Ziele von Paris erreichen, eine Nachfrage nach norwegischem Öl und Gas gibt", erklärte Elnar Holmen, politischer Berater in Liens Öl-Ministerium. Das wird nicht einfach. Norwegen hat mit seinen gut fünf Millionen Menschen begrenzte Möglichkeiten, Emissionen einzusparen, wenn es die Öl- und Gasproduktion ausklammert. Die ist für 26 Prozent der Treibhausgase verantwortlich, die Norwegen ausstößt.

Ansonsten verwenden die Norweger einen Energiemix, der sich vor allem auf Wasserkraft stützt. Viele fahren Elektroautos, weil die Regierung das fördert. Sie leben vom Erdöl, aber verbrauchen es selber kaum. Das Land setzt auf den Kauf von Emissionszertifikaten, um den CO₂-Ausstoß trotzdem noch zu verringern.

Norwegens Klimapolitik ist geprägt von solchen Widersprüchen. Während die Regierung sich bemüht, die Arktis vor weiterer Erwärmung zu schützen, spekuliert sie gleichzeitig darauf, dass das schmelzende Eis Ressourcen freilegt. Das Geld, das Norwegen mit dem Erdöl verdient, legt sie im weltgrößten Staatsfonds an. Dieser soll bald nicht mehr in Energie aus Kohle investieren, dem Klima zuliebe. Gleichzeitig steckt die Regierung seit Jahren Subventionen in eine Mine auf Spitzbergen, um Norwegens Einfluss auf der arktischen Inselgruppe zu erhalten. Auch hier geht es um Ressourcen, die womöglich unter dem Eis schlummern.

Die Erdölindustrie hat auf das Pariser Abkommen reagiert, als habe ihr nichts Besseres passieren können: Norwegens Produktion von Öl und Gas liege mit ihrem CO₂-Ausstoß weit unter dem weltweiten Schnitt, teilte der Industrieverband Norsk Olje & Gass mit. Würde sie nicht mehr liefern, würde die Nachfrage durch schmutziger produzierte Produkte aus anderen Ländern gedeckt werden - oder schlimmer, durch Kohle. Ohne norwegisches Öl und Gas keine Klimarettung, so die Botschaft.

Die Gegenthese stammt von der Internationalen Energieagentur (IEA). In Paris ging es darum, die globale Erwärmung auf höchstens zwei Grad Celsius zu begrenzen. Laut IEA ist das nur möglich, wenn zwei Drittel der fossilen Brennstoffe mindestens bis 2050 in der Erde bleiben. In der Arktis ist die Förderung besonders umstritten. Eis kann man im Fall einer Katastrophe nicht vom Öl säubern. Die weiten Wege, das kalte Wetter, die dunklen Winter machen Notfalleinsätze schwierig und die Produktion teuer. Das Öl muss von der Plattform weg und Energie zur Plattform gebracht werden. Hinzu kommt, dass der Ölpreis stark gefallen ist und viele Projekte gestoppt hat. Shell hat im September seine Bohrung vor Alaska aufgegeben, weil sie nicht lohnte. Norwegen dagegen rechnet fest mit dem Erdöl aus der Arktis. Zwar spricht die Regierung seit langer Zeit davon, die Öl-Abhängigkeit des Landes zu beenden. Der Preisfall hat in Norwegen viele Tausend Jobs gekostet. Doch laut Öl-Ministerium hängen immer noch 240 000 norwegische Arbeitsplätze daran, 15 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung und 39 Prozent aller Exporte.

Um Teile der Barentssee hat sich Oslo lange mit Moskau gestritten

Auch deswegen wird die Suche nach Erdöl gefördert. Wer auf Norwegens Kontinentalplatte Ressourcen abbaut, zahlt 78 Prozent Steuern auf seinen Gewinn. Wer neue Ölfelder erkundet, darf die Kosten dafür absetzen oder bekommt sie gutgeschrieben. Für das Ölministerium ist es das keine Subvention. Für Umweltschützer Hauge ist es der Hauptgrund dafür, dass sich Konzerne überhaupt für die Barentssee interessieren. Er glaubt nicht, dass die Produktion dort jemals finanzierbar wird. Das Ministerium widerspricht: Das große Interesse an den 54 ausgeschriebenen Gebietsblöcken zeige, dass die Unternehmen an eine profitable Förderung in der Arktis glaubten. Die Lizenzrunde stelle sicher, "dass Norwegens Interessen in der Barentssee geschützt sind", heißt es vom Industrieverband. Um Teile der Barentssee hat sich Norwegen lange mit Russland gestritten. Erst 2010 einigten sich die Länder und teilten das Gebiet in der Mitte.

Norwegens Ölsuche hängt noch von einer weiteren Grenze ab, der Eiskante. Sie beschreibt das Risiko, dass das Meer zufriert und damit die Gebiete, in denen Norwegen Ölbohrungen verbietet. Im Januar änderte das Polarinstitut seine Methode, die Eiskante zu definieren und rückte sie weiter in den Norden. Fast zeitgleich schrieb die Regierung die Lizenzen für die Barentssee aus. Es begann eine Debatte darüber, ob die Entscheidung der Forscher politisch beeinflusst war. Im Sommer lehnte das Parlament die neue Definition der Eiskante ab und gab sie zur Überarbeitung an die Forscher zurück. Die Regierung aber hielt an den neuen Blöcken in der Barentssee fest.

Für Bürgermeister Jakobsen sind das gute Nachrichten. In Hammerfest steht das Geschäft mit Öl am Anfang. Bisher baut der norwegische Konzern Statoil dort nur Erdgas ab, das Feld trägt den Namen Snøhvit, Schneewittchen. Die weltweit nördlichste Plattform zur Ölförderung kommt vom italienischen Energieunternehmen Eni, heißt Goliat und kam im April mit zwei Jahren Verspätung in Hammerfest an. Bald soll die Produktion beginnen.