Ökonomie Vom gelingenden Leben

Jedes Jahr ist die Aufregung groß, wenn die Sozialverbände ihren Armutsbericht vorlegen. Dann wird mit großem Ernst über Messbarkeit materieller Güter gestritten. Der Politologe und Ex-Banker Philipp Lepenies plädiert für eine andere Definition von Armut.

Von Robert Probst

"Armut ist ein gesellschaftliches Phänomen mit vielen Gesichtern. Es entzieht sich deshalb einer eindeutigen Messung." Auf diesem Standpunkt steht die Bundesregierung nicht erst seit dem zweiten Armutsbericht aus dem Jahr 2005. Auf einem völlig anderen Standpunkt stehen die Sozialverbände. Jedes Jahr ist die Aufregung groß, wenn etwa der Paritätische Wohlfahrtsverband seinen Armutsbericht vorlegt und - wie jüngst wieder - mantraartig davor warnt, mehr als 15 Prozent der Deutschen seien von Armut bedroht. Dann schlägt die Stunde der Statistiker, und es wird wild debattiert, mit welchen ökonomischen Parametern denn Einkommensarmut zu messen sei.

All diesen eifrigen Diskutanten sei der schmale Band des Ökonomen und Politologen Philipp Lepenies empfohlen. Vor seinem Quereinstieg in die Wissenschaft war Lepenies mehr als zehn Jahre lang bei der Kreditanstalt für Wiederaufbau Senior Economist der Strategieabteilung mit dem Schwerpunkt Armut und Armutsmessung. Er weiß also, wovon er schreibt. Das Büchlein weitet den Blick. Es beschreibt den Umgang der Menschen mit Armut seit der Antike, schaut sich bei den Philosophen um, betrachtet die Sonderrolle Englands und befasst sich eingehend mit dem Versprechen der modernen Politik, Armut zu beseitigen - und sei es nur, sie aus der öffentlichen Wahrnehmung zu entfernen.

Lepenies plädiert für einen breiteren Begriff von Armut, der sich abhebt von der oft absurden Messbarkeitsdebatte. Er hält es mit dem indischen Ökonomen Amartya Kumar Sen, der nicht danach fragt, welche Güter ein Mensch besitzt, sondern welche Chancen er hat, sich zu verwirklichen. Hat er Chancen auf Bildung, auf Arbeit, auf ein gesundes Leben? Dieser "Verwirklichungschancen"-Ansatz wird nicht allen gefallen, denn er kostet mehr Anstrengung, aber er nähme die Politik stärker in die Verantwortung. Denn dann ginge es nicht mehr um den billigen Hinweis, Armut lasse sich nicht exakt messen, sondern um echte Chancengleichheit.

Philipp Lepenies: Armut. Ursachen, Formen, Auswege. Verlag C. H. Beck München 2017, 128 Seiten, 8,95 Euro.