Öffentlichkeit Was die Übergriffe von Köln mit uns zu tun haben

Syrische Flüchtlinge verschenken am Hauptbahnhof in Köln Rosen an Passanten.

(Foto: AFP)

Plätze und Straßen verwahrlosen, weil uns Verantwortung und Pflege für das Öffentliche fernliegen. Und eben da steckt das Problem.

Gastbeitrag von Christoph Quarch

Der Mensch, so lehrte Aristoteles bekanntermaßen, ist ein Gemeinschaftswesen: ein Zoon politikon. Um wahrhaft Mensch zu sein und seine Anlagen aufs Schönste zu entfalten, bedürfe er der Zugehörigkeit zu einem Gemeinwesen: zu einer polis. Denn nur im öffentlichen Raum der Polis gelinge das Menschsein. So wurde Aristoteles zu einem Vordenker für den Bürgergeist in Europa.

Ganz ähnlich dachte Martin Buber. "Jedes wirkliche Leben ist Begegnung", notierte er 1923. Das war nicht als politische Theorie gemeint, lässt sich aber so lesen. Bekundet sich darin doch eine ähnliche Einsicht: Der Mensch ist kein Einzelkämpfer. Wirklich lebendig ist er nur im Miteinander. Die Zugehörigkeit zu einem Gemeinwesen ist uns wesentlich. Es wachsam und verantwortungsbewusst mitzugestalten, ist der Ausweis unserer Freiheit.

Begegnung ist der Nährstoff des Politischen. Damit die Polis lebt und ein Gemeinwesen gedeiht, braucht es Raum für die Begegnung, und zwar die leibliche von Mensch zu Mensch. Der virtuelle Raum kann das nicht leisten. Es braucht den öffentlichen Raum. Im öffentlichen Raum lebt eine Bürgerschaft. Und deshalb ist sie gut beraten, den öffentlichen Raum zu schützen und zu pflegen. Besonders dann, wenn er gefährdet ist; wie es in Deutschland jetzt der Fall ist.

Betrachten wir den öffentlichen Raum noch als unseren Raum?

Der öffentliche Raum scheint nicht mehr sicher zu sein. Die Übergriffe gegen Frauen am Kölner Hauptbahnhof, so wissen wir inzwischen, waren keine Einzelfälle. Die Täter stammen offenkundig aus Nordafrika oder dem Nahen Osten. Womöglich sind einige von ihnen mit dem großen Flüchtlingsstrom ins Land gekommen. Gewiss sind unter ihnen auch ein paar Kriminelle - so, wie sie in allen Ländern dieser Welt zu treffen sind. Doch als Erklärung reicht das nicht. Dass so viel junge Männer sich beteiligten, liegt auch daran, dass sie in ihrer Heimat keine bürgerschaftliche Kultur und keinen hinreichenden Respekt vor dem weiblichen Geschlecht kennengelernt haben; und dass ihr Verhalten von ihren religiösen Führern gebilligt wird, wie Aussagen des Kölner Imam Abu-Yusuf lehren.

Christoph Quarch, 51, hat Philosophie und Religionswissenschaften studiert. Er arbeitet als Autor und Unternehmensberater.

(Foto: privat)

Man könnte es dabei bewenden lassen. Als Konsequenz genügten dann mehr Überwachungskameras, mehr Polizeipräsenz und eine rigorose Abschiebungspraxis. Allein, so einfach ist es nicht. Denn dass es überhaupt zu den Übergriffen kommen konnte, hat noch andere Gründe, die etwas mit uns zu tun haben - damit, dass wir den öffentlichen Raum vernachlässigt haben.

Seien wir ehrlich: Betrachten wir den öffentlichen Raum noch als unseren Raum? Als einen Raum, den wir gemeinsam teilen - für dessen Erhalt und Pflege wir Verantwortung tragen? Auf den zu achten unsere Pflicht ist? Verantwortung und Pflege für das Allgemeine, Öffentliche liegen uns eher fern. Und eben da steckt das Problem.