Obamas Internet-Tüftler Harper Reed Chef-Nerd des Präsidenten

Harper Reed hasst Anzüge, trägt eine dicke Brille zum Hipster-Bart und bezeichnet sich selbst als unpolitisch. Dennoch hat der 34-jährige Nerd die Technik-Infrastruktur für Obamas Wahlsieg aufgebaut - die Daten könnten dem Präsidenten und seiner Partei auch in den anstehenden Auseinandersetzungen mit den Republikanern helfen.

Von Matthias Kolb, Washington

Obamas IT-Stratege Harper Reed: "I am pretty awesome".

(Foto: OFA)

Dass Harper Reed selbstbewusst ist, sieht man schon an seinem Blog. Der 34-Jährige dokumentiert nicht nur, wie viele Schritte er täglich zurücklegt (8486), wie viele Bücher er gelesen hat (558) und wie viele Tweets er täglich verschickt (62), sondern präsentiert auch sein Lebensmotto: "I am pretty awesome." ("Ich bin ziemlich großartig.")

Ziemlich großartig war auch die Technik-Infrastruktur, die der 34-jährige Nerd mit Start-up-Erfahrung mit 120 Mitarbeitern für Barack Obamas Wiederwahl auf die Beine stellte. Der Präsident ist dem Mann mit der schwarzen Brille, dem Hipster-Bart und der wilden Frisur auf jeden Fall sehr dankbar, das belegt dieses Foto, das Reed auf seiner Instagram-Seite gepostet hat. Es zeigt den Hinterkopf von Barack Obama, der seinen Chief Technology Officer (CTO) fest umarmt.

Welch großen Anteil der Chef-Techniker des Obama-Teams an der Wiederwahl des Präsidenten hatte, wird nun immer deutlicher. Washington rätselt nun über die Frage: Wer darf Harper Reeds wunderbare Wahlkampf-Werkzeuge und Obamas Datenschatz nun nutzen?

Den Tipp, exzellente Techniker ohne politischen Hintergrund anzuheuern, erhielt Obamas Wahlkampfmanager Jim Messina von Eric Schmidt. "Ihr sagt, was ihr haben wollt, und die werden euch das bauen", habe der Google-Chef argumentiert, verriet Messina jüngst in Washington. Auf Leute wie Harper Reed hätte er wie ein Marsmensch gewirkt, erzählte Messina lachend, doch andersherum sei dies ähnlich gewesen. Den ruppigen Ton der Polit-Strategen lernte Reed schnell kennen, wie er dem Atlantic verriet. Messina habe ihn mit den Worten begrüsst: "Willkommen im Team. Versau' es nicht."

Helfer von Google, Twitter, Facebook oder Microsoft

Dass Reeds Instrumente derart erfolgreich sein würden, war nicht von Vornherein absehbar. Als im Juni 2011 bekannt wurde, dass Reed den Posten des CTO übernommen hatte, war dies nur der Lokalzeitung Chicago Tribune eine Meldung wert. In der Metropole ist Reed eine prominente Figur in der Start-up-Szene. Erst seit der erfolgreichen Wahl wollen Reporter wie Alexis Madrigal von The Atlantic mit dem Programmierer sprechen.

Der 34-Jährige hat es nicht versaut, sondern ein Team aus 120 hervorragenden Programmierern, Datenanalysten und Technikern zusammengestellt, die vorher bei Twitter, Google, Facebook oder Microsoft gearbeitet hatten - und nun ihr Können für deutlich weniger Geld Obama zur Verfügung stellten.

Reed selbst hat eine eindrucksvolle Karriere hingelegt: Nach seinem Studium der Philosophie und der Computerwissenschaft war er nach Chicago gekommen und hatte die T-Shirt-Firma Threadless aufgebaut. Hier entscheiden Internet-Nutzer über die Designs. Dort habe er gelernt, dem Wissen der User zu vertrauen, so Reed.

Echtzeit-Infos über mögliche Wähler

Im Obama-Team sollte er dafür sorgen, dass bestehende Techniken durch Algorithmen wirksamer werden. Erst sollten die potenziellen Wähler identifiziert werden, bevor sie auf die passende Art via Facebook, E-Mail oder Hausbesuch angesprochen wurden.

Selbst wenn man sich bereits mit Data Mining, also professioneller Auswertung von personenbezogenen großer Datenmengen, beschäftigt hat, faszinieren die Beschreibungen aus dem Innersten der Kampagne. Reed und seinem Team gelang es nach einigen Mühen, alle 2008 gesammelten Informationen mit öffentlichen und gekauften Daten zu kombinieren und in die Anwendung "Dashboard" zu integrieren. In Echtzeit konnten die Freiwilligen, die neue Wähler registrierten oder unschlüssige Bürger überzeugen wollten, auf die Infos zurückgreifen und eigene Ergebnisse integrieren.