Ein Kommentar von Christian Wernicke, Washington

Der US-Präsident sucht eine neue Afghanistan-Strategie. Das ist eine Chance, doch die Verbündeten in Brüssel ahnen, dass diese auch ihnen mehr abverlangen wird.

Afghanistan ist Amerikas "guter Krieg". So glaubt, laut Umfragen, das Volk, so sieht es der neue Präsident. Barack Obama, dessen nationale Karriere als früher Gegner des wüsten Bush-Krieges im Irak begann, war und ist kein Pazifist.

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Barack Obama kennt in seiner Afghanistan-Politik nur ein Tabu- den Rückzug, die eigene Niederlage. (© Foto: dpa)

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Er sah zu Recht keinen Grund für den Irrmarsch auf Bagdad - aber er hegte nie Zweifel, dass der Kampf gegen al-Qaida und Taliban gerecht ist. Also will er, als 44. Oberkommandierender, nun raus aus Mesopotamien. Und umso mehr ist der Hindukusch fortan seine entscheidende Front: Da will, ja da muss der amerikanische Präsident siegen.

Genau deshalb unterwirft die neue Regierung ihr Afghanistan-Dossier jetzt einer rigorosen Überprüfung. Und der Einsatz (mit bislang immerhin über 600 toten US-Soldaten) liest sich nicht eben wie eine Erfolgsgeschichte: Osama bin-Laden ist nach wie vor auf freiem Fuß, die Taliban sind auf dem Vormarsch, die Regierung in Kabul versinkt in Korruption, lässt den Drogenhandel wuchern und oft finstere Warlords in den Provinzen gewähren. Mit simplen Durchhalteparolen, mit einem sturen "Weiter so", kommen die Vereinigten Staaten und ihre Nato-Verbündeten nicht mehr voran.

Der Neuanfang in Washington eröffnet die (vielleicht letzte) Chance, in Afghanistan einen anderen, besseren Kurs einzuschlagen. Dazu sucht Amerika nun eine neue Strategie. Und die ersten Signale der Regierung bedeuten den Alliierten in Europa wie dem Präsidenten in Afghanistan, dass die Obama-Mannschaft dabei nur ein Tabu kennt - den Rückzug, die eigene Niederlage. Nein, Amerika rüstet auf, will bis zu 30.000 Soldaten zusätzlich entsenden.

Die Verbündeten in Brüssel ahnen, dass dies auch ihnen mehr abverlangen wird - mehr Truppen, mehr zivile Aufbauhelfer, mehr Geld. Es ist höchste Zeit, dass Europas Regierungen auch eigene Ideen investieren - und zwar, ehe die Führungsmacht ihre Suche nach neuen Pfaden beenden wird.

Auf Hamid Karsai, den einsamen Präsidenten in Kabul, kommen raue Zeiten zu. Er hat inzwischen erfahren müssen, dass er nicht länger Washingtons Liebling ist.

Die virtuellen Audienzen im Weißen Haus, die Karsai unter George W. Bush per Videoschaltung fast wöchentlich genoss, hat Barack Obama bereits abgeschafft. Soll heißen: Wir können auch anders. Längst gilt es nicht mehr als ausgeschlossen, dass sich Washington vor den afghanischen Präsidentschaftswahlen im August einen anderen Lieblingskandidaten ausguckt. Der erste schwarze US-Präsident kennt da keine Treue, keine Schuldigkeiten: Amerikas bisheriger Mohr in Kabul kann auch gehen.

Vom schlechten Krieg das Siegen lernen

Derweil zeichnet sich erst in Umrissen ab, was die neue US-Regierung am Hindukusch vorhat. Klar ist nur, dass Amerika mehr als bisher den Afghanistan-Krieg als Regionalkonflikt begreifen wird: Die labile Regierung in Pakistan wie auch das iranische Mullah-Regime werden unter Druck geraten, mehr als bislang mitzuhelfen im Kampf um Afghanistan. Dafür steht der Name Richard Holbrooke, der neue, für seine Ruppigkeit bekannte US-Sonderbeauftragte für die Region.

Ein anderer Name dürfte derweil für die Taktik stehen, mit der Washington künftig in den Schluchten des Hindukusch vorankommen will: David Petraeus. Der Vier-Sterne-General, inzwischen der Chef des US-Zentralkommandos, gilt als Vater von Amerikas spätem Erfolg im Irak. Petraeus will, getreu seinem Lehrbuch zur erfolgreichen Aufstandsbekämpfung, mit mehr amerikanischen Soldaten in Afghanistan erneut in die Schlacht ziehen. Mehr Bodentruppen verheißen, zumindest vorübergehend, mehr Blutvergießen - aber hoffentlich weniger blindes Bomben per Drohnen wie bisher.

Der Irak als Lektion für Afghanistan: Obama mag es nicht so sagen, aber er wird es tun. Er will, um seinen guten Krieg zu gewinnen, jetzt vom schlechten Krieg das Siegen lernen.

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(SZ vom 30.01.2009)