Obama vor der US-Wahl Masterplan für den Wahlsieg

Nun beginnt der Schlussspurt: Nach dem letzten TV-Duell spottet US-Präsident Obama über Romneys Meinungswechsel und diagnostiziert bei seinem Herausforderer "Romnesie". Stolz präsentiert er ein 20-seitiges Heft mit seinem Programm für eine zweite Amtszeit und fordert das Publikum auf, so früh wie möglich zur Wahl zu gehen. Denn am Ende siegt der Kandidat, der seine Anhänger am besten mobilisieren kann.

Von Matthias Kolb, Delray Beach

Diese Rede ist ein Heimspiel für Barack Obama, der ohne Jackett und mit einem pinken Armband am Handgelenk auf der Bühne steht. Immer wieder rufen die Zuschauer "We love you", "Yes you did" oder "Thank you, Mister President".

(Foto: AFP)

Am Morgen nach der letzten TV-Debatte beginnt der Schlussspurt für US-Präsident Obama im Rennen um das Weiße Haus. Er beschwört seine Anhänger, bald ihre Stimme abzugeben. Vor 11.000 jubelnden Fans in Florida spottet er über die vielen Meinungswechsel des Republikaners und diagnostiziert ihm "Romnesie". Seine Vision für Amerika soll ein neuer Plan verdeutlichen, der an Millionen Wähler verteilt werden soll.

Es dauert drei Minuten, bis Barack Obama zum Mediziner wird. Bei der Debatte am Vorabend in Boca Raton habe sein Herausforderer Romney erneut so viele Dinge verkündet, die er zuvor noch ganz anders dargestellt habe. "Ihr wisst, was das bedeutet", ruft der Präsident dem Publikum im Delray Beach Tennis Center zu. "Romnesie" schallt es aus 11.000 Kehlen zurück. "Genau, und der Auftritt gestern Abend war mindestens Stufe 3."

Seit Tagen ist Romnesie das Lieblingsthema des Präsidenten, der seinen Fans gern die Symptome erklärt, damit keiner von dieser mysteriösen Krankheit befallen werde. "Wenn ihr in einer Debatte sagt, dass ihr amerikanische Autos liebt, aber zuvor in einem Zeitungsartikel gefordert habt, Detroit bankrott gehen zu lassen, dann habt ihr Romnesie. Gestern hat er gesagt, er war immer dafür, Bin Laden zu jagen - doch 2007 hat er erklärt, es sei unnötig, Himmel und Erde in Bewegung zu setzen, nur um einen Mann zu fassen. Das ist Romnesie." Es folgt der Verweis auf die größte Leistung seiner ersten Amtszeit: "Obamacare deckt die Behandlungskosten von Romnesie."

Natürlich ist diese Rede ein Heimspiel für Barack Obama, der ohne Jackett und mit einem pinken Armband am Handgelenk auf der Bühne steht. Immer wieder rufen die Zuschauer "We love you", "Yes you did" oder "Thank you, Mister President".

Doch der Auftritt in Delray Beach ist aus zwei Gründen wichtig: Der 51-Jährige muss die vielen Freiwilligen im umkämpften swing state Florida motivieren. Das gelingt ihm spielend. Viele Freiwillige waren permanent damit beschäftigt, sich gegenseitig mit den iPhones vor der Bühne zu fotografieren. Zudem tritt er einer von Republikanern oft geäußerten Kritik entgegen, er habe kein Programm für eine zweite Amtszeit und verliere sich im Klein-Klein des Wahlkampfs.

Stolz hält Obama auf dem Podium ein 20-seitiges Heft in die Luft. "Im Gegensatz zu Gouverneur Romney bin ich stolz auf meinen Plan und rede gern darüber", ruft er und wiederholt den Vorwurf, dass der Republikaner nicht bereit sei, Details für seine Steuersenkungspläne zu nennen. Und noch etwas sei anders, betont Obama: "Wenn Mathelehrer hier sind, dann werden sie mir zustimmen: Meine Zahlen stimmen, die Rechnung geht auf."

Ähnlich wie Romney nennt der Präsident fünf Punkte. Bessere Schulen und mehr Weiterbildung, mehr Industriejobs für Amerika sowie weniger Energieimporte - das klingt konsensfähig. Doch die Forderung des Demokraten, dass die reichen Amerikaner "etwas mehr" beitragen sollen, um Schulden zu senken und allen eine faire Chance zu geben, lehnen die Republikaner strikt ab. Der letzte Punkt heißt "Nationbuilding in der Heimat": Obama will das Geld, das nicht mehr für Kriege im Irak und Afghanistan benötigt wird, in den Ausbau von Straßen, Brücken und Schulen stecken. Das Heft mit dem Titel "A Plan for Jobs and Middle-Class Security" ist nicht nur auf der Website des Wahlkampfteams verfügbar, sondern soll mindestens 3,5 Millionen Mal gedruckt und verteilt werden. "Wenn ihr Freunde, Nachbarn oder Kollegen habt, die noch unentschlossen sind, für wen sie stimmen sollen, dann gebt ihnen dieses Heft", sagt der US-Präsident und kommt damit zur wichtigsten Botschaft für die Zeit bis zum 6. November: Jede Stimme zählt und je früher ihr wählen geht, um so besser.

Egal ob Charlie Crist, Floridas zum Demokrat gewandelter Ex-Gouverneur, oder Scott Van Duzer, jener Pizzabäcker, der jüngst Obama mit einem Bärengriff begrüßte und in die Luft hob oder die jungen Aktivisten: Sie alle hämmern den Zuschauern in der Arena und vor den Fernsehern ein, nicht länger zu warten. "Florida, von Samstag an könnt ihr wählen gehen und ich brauche Euch", ruft Obama, dessen uninspirierte Leistung beim ersten TV-Duell das Rennen ums Weiße Haus wieder knapp gemacht hat (mehr in dieser Süddeutsche.de-Analysen).

Es liegt also an Leuten wie Kevin Moore, ihrem Idol zu einer zweiten Amtszeit zu verhelfen. Der 30-Jährige macht zurzeit Urlaub in Florida und nutzt die Chance, Obama live zu sehen.

Am Wahltag wird er in seiner Heimat Virginia, dem neben Florida und Ohio wichtigsten swing state, an Türen klopfen und Wähler zur Abstimmung fahren. "Ich habe ein gutes Gefühl, der Präsident hat bei den letzten Debatten gezeigt, dass er gewinnen will", meint Kevin.

Ähnlich zuversichtlich ist die 28 Jahre alte Michelle aus Palm Beach, die seit fünf Uhr morgens in der Schlange stand: "Obama hat so viel für uns normale Amerikaner getan, er verdient eine zweite Amtszeit."

Davon ist auch der 51-Jährige selbst überzeugt. "Es geht dieser Wahl um Vertrauen", beschwört er seine Zuhörer. Wer wie Romney allzu oft seine Meinung wechsle, sei nicht geeignet, das Land zu führen. Als aus dem Publikum Buh-Rufe zu hören sind, ist der Präsident mit einem altbewährtem Spruch zur Stelle. "Buht nicht, geht lieber wählen", ruft er. Obama weiß: Bei dieser knappen Wahl wird der Kandidat siegen, der seine Anhänger am besten mobilisieren kann.