SWP-Sicherheitspolitik-Experte Kaim über die amerikanisch-russischen Beziehungen, Obamas Paradigmenwechsel - und die Komplikationen, die dem US-Präsidenten nun drohen.
Markus Kaim leitet die Forschungsgruppe Sicherheitspolitik der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin. Kaim forscht zur transatlantischen sicherheitspolitischen Zusammenarbeit, zur Nato-Politik der USA und der Kooperation von Nato und EU mit Russland und anderen Sowjetrepubliken bei der Konfliktbearbeitung.
Bricht das Eis in den amerikanisch-russischen Beziehungen? Barack Obama spricht bei seinem Moskau-Besuch im Juli vor Absolventen der New Economic School. (© Foto: AFP)
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sueddeutsche.de: US-Präsident Obama stoppt die Pläne seines Vorgängers George W. Bush, einen Raketenschild in Osteuropa zu bauen. Der offizielle Grund ist die nachlassende Bedrohung durch Iran. Ist das nur ein Vorwand?
Markus Kaim: Iran mag auch eine Rolle gespielt haben, das kann ich nicht ausschließen. Der entscheidende Grund aber ist der Paradigmenwechsel in den amerikanisch-russischen Beziehungen. Seit Obamas Amtsantritt kann man ganz deutlich erkennen, dass die US-Regierung von völlig neuen Grundannahmen ausgeht. Bush hat, vor allem am Ende seiner Amtszeit, Russland als Rivalen und potentiellen Störenfried angesehen, sei es im Kosovo oder im Verhältnis zu Iran. Bei der Regierung Obama überwiegt ganz deutlich die Einsicht, dass die USA Russland zur Lösung einer Vielzahl von Problemen benötigt - von Regionalkonflikten wie in Georgien bis hin zu den großen Themen Iran oder Rüstungskontrolle.
sueddeutsche.de: Erleben wir damit eine Zäsur in den amerikanisch-russischen Beziehungen?
Kaim: Das ist das Ende der Eiszeit. Allerdings ist das Moratorium für den Raketenschild nicht das erste Anzeichen dafür. Bei seinem Besuch in Moskau im Juli hat Obama sich mit Russland in einigen wichtigen Fragen der Abrüstung und Rüstungskontrolle geeinigt. In diesem Feld ist am Ende der Ära Bush überhaupt nichts mehr passiert. Zweites Stichwort ist die Nato-Osterweiterung. Bush drängte auf einen baldigen Eintritt Georgiens und der Ukraine in das Verteidigungsbündnis, Obama trat auch hier so stark auf die Bremse, sodass auch diese Pläne erst einmal vertagt sind. Und das dritte Feld ist eben die Raketenabwehr.
sueddeutsche.de: Läuft die Regierung Obama nicht Gefahr, den Russen zu weit entgegenzukommen?
Kaim: Wichtig ist für Obama, eine Balance zu finden. Entgegenkommen: Ja. Aber eines darf aus Sicht der USA nicht passieren: Dass man den Russen signalisiert, sie hätten eine sicherheitspolitische Einflusssphäre oder gar ein Veto in Osteuropa. Diese feine Linie muss Obama gehen.
sueddeutsche.de: Tschechien, Polen und viele andere Staaten werden enttäuscht auf die Ankündigung reagieren, weil sie sich von dem Raketenschild einen zusätzlichen Schutz versprochen haben. Wie kann der US-Präsident die Ängste dieser Länder zerstreuen?
Kaim: Obama wird versuchen, auf anderen Wegen zu signalisieren, dass die USA weiter zu den Demokratien in Osteuropa stehen. Denkbar wäre beispielsweise, dort wieder häufiger Nato-Manöver durchzuführen oder sogar Nato-Stützpunkte auszubauen. Außerdem wird der Präsident sicher nicht müde werden zu versichern, dass die USA weiter zu den Staaten stehen. Aus den ersten Reaktionen aus Osteuropa kann man aber auch ablesen, dass Obama die Regierungen vor seiner Entscheidung nicht mehr extra konsultiert hat. Das ist durchaus ein Fingerzeig dafür, dass er klar andere Prioritäten hat als Bush.
sueddeutsche.de: Muss Obama nun fürchten, dass seine Landsleute ihm vorwerfen, zu wenig die Interessen der Amerikaner zu vertreten?
Kaim: Natürlich werden morgen die üblichen Verdächtigen, die außenpolitischen Hardliner, Obama beschimpfen. Die breite Bevölkerungsschicht hat derzeit jedoch andere Prioritäten. In der Innenpolitik dominiert der Streit um Obamas Gesundheitsreform, in der Außenpolitik der Krieg in Afghanistan. Einzig die einflussreiche Gruppe polnischstämmiger Amerikaner könnte sich Obama vergraulen. Die zeigten bereits deutlich ihren Unmut, als sich ihre Hoffnungen auf Visafreiheit für Polen nicht erfüllt haben. Die nächsten Wahlen in den USA, die midterm elections, sind aber noch mehr als ein Jahr entfernt - bis dahin dürfte auch deren Ärger verraucht sein.
(sueddeutsche.de/jja/gba)
Die Ärzte in München
Es ist ja immer schön, dass man schon politisch bewertet, ohne die Fakten zu verstehen.
Ein entscheidendes Problem an den Bush Plänen aus russischer Sicht, war auch das tschechische Radargerät, nicht weil es mit 10 Interceptoren in Polen das Gleichgewicht stören würde, sondern weil damit eine Überwachungsmöglichkeit gegeben war, die zumindest als Bedrohung empfunden wurde.
Neben der ganzen Raketendiskussion jetzt, ist das Konzept der Sensoren in der ganzen Diskussion untergegangen. General Cartwright sprach gestern von luftgestützten Sensoren und Satelliten. Wie immer das Konzept aussieht, es kann großen Einfluß darauf haben, ob es tatsächlich das "Ende der Eiszeit" ist.
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Natürlich ist die Entscheidung allein aufgrund der Finanzkrise zu treffen gewesen, daß
Obama deswegen eine "Weltleistung" vollbracht hätte ist weit übers Ziel geschossen!
Einen Präsidenten oder Politiker für e i n e vernünftige Entscheidung so zu loben,
ist mehr als abwegig. Endlich kann man mal zufrieden sein mit dieser Entscheidung,
wenns auch die Polen u. Tschechen - dort nur einige - ärgern wird.
Dem Iran kann man jetzt auch wieder besser gegenübertreten, denn gegen dessen angebliche Bedrohung war der Schirm ja gedacht, also ein zweites positives Moment!
und das schreibt einer, der einen linken banditen als erkennungszeichen gewählt hat! Pah! linker präsident trifft halt linke entscheidungen.
Obama hat gar nicht soviel aufgeben müssen, um zeigen zu können, dass Frieden zu schaffen auch mit bedeutend weniger Waffen möglich ist. Auch Russland würde nämlich von Herzen gern mit weniger davon auskommen können, weil die Bürger schon bald wieder Fortschritte, bei der Bewältigung der Krise sehen wollen und da ist nun einmal in erster Linie die Innenpolitik gefragt.
Heissporne und Miesmacher wird es natürlich immer geben. Eckart von Klaeden z.B: dürfte nicht besonders erbaut über Obamas Entscheidung sein. Denn gerade die Konservatven behalten immer gern was in der Hinterhand, um über irgendetwas furchtbar Unbedeutendes ihre Besorgnis ausdrücken zu können.
Die GRÜNEN haben schon recht damit, dass dieser Tag auch einer der schlechteren für Merkel ist.
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