Obama in Indien Wenn die Chemie stimmt

Ehrung für den indischen Unabhängigkeitskämpfer: US-Präsident Barack Obama wirft Rosenblätter auf das Denkmal für Mahatma Gandhi.

(Foto: Saul Loeb/AFP)
  • US-Präsident Barack Obama betont bei seinem Staatsbesuch in Indien die Bedeutung des Landes als wirtschaftlicher und strategischer Partner.
  • Die Staatsmänner ebnen den Weg für eine zivile Nuklearkooperation.
  • Je mächtiger China wird, desto wichtiger wird Delhi als Gegengewicht in Südasien.
Von Arne Perras, Singapur

Als hätten sich zwei alte Freunde ganz lange nicht mehr getroffen. So sah es aus beim Empfang auf dem Rollfeld von Neu-Delhi. Indiens Premier Narendra Modi umarmte freudig den gerade eingeflogenen US-Präsidenten Barack Obama. Und dann wollten die beiden gar nicht mehr aufhören, sich vor laufenden Kameras die Hände zu schütteln. Michelle Obama stand brav daneben und lächelte.

Schon im Vorfeld des Besuchs war immer wieder die Rede davon gewesen, dass es um die Chemie zwischen den beiden Politikern bestens stehe. Aber wahr ist auch, dass diese wunderbare Freundschaft noch sehr jung ist. Gerade mal fünf Monate, um genau zu sein. Denn erst im September haben sich die beiden in Washington kennengelernt. Danach trafen sie sich zweimal in kurzer Zeit bei Gipfeln in Asien. Und nun ist Obama fast drei Tage lang in Indien.

Narendra Modi hat Barack Obama zur großen Parade eingeladen

Beide Seiten hoffen, dass das gute persönliche Verhältnis zwischen Modi und Obama helfen kann, die bislang komplizierten und manchmal dürftigen Beziehungen zwischen beiden Ländern deutlich zu verbessern. Zwar wird oft betont, dass die beiden größten Demokratien der Welt schon alleine wegen ihrer gemeinsamen Werte natürliche Partner seien. Doch davon war in den vergangenen Jahrzehnten eher selten etwas zu spüren. Im Kalten Krieg waren andere Faktoren wichtiger, die Inder entzogen sich einer Allianz mit den Amerikanern, anti-koloniale Reflexe, gepaart mit sozialistischen Ideen, ließen Delhi eher Richtung Russland neigen als nach Washington.

Dass es Gastgeber Modi nun ernst meint mit einem Neubeginn in den Beziehungen, will er zunächst mit einer großen symbolischen Geste untermauern. Obama wird der erste US-Präsident in der Geschichte sein, der an diesem Montag zur großen Parade am Nationalfeiertag geladen ist. Nicht nur Panzer und Raketen fahren bei diesem Megaspektakel am 26. Januar auf, sondern auch kamelreitende Armee-Einheiten oder die tollkühnen "Daredevils". Das sind die "Teufelskerle" vom Grenzschutz BSF, die das Publikum mit halsbrecherischen Formationen auf ihren fahrenden Motorrädern in Atem halten.

Für einen Aufschwung braucht Indien den Ausbau des internationalen Handels

Ehrung für den indischen Unabhängigkeitskämpfer: US-Präsident Barack Obama wirft Rosenblätter auf das Denkmal für Mahatma Gandhi.

(Foto: Saul Loeb/AFP)

Ansonsten aber steckte der Teufel eher in den juristischen Details, die Inder und Amerikaner zu verhandeln hatten: US-Firmen möchten seit Langem in Indien in die zivile Atomenergie investieren, scheuten davor aber bislang wegen geltender Haftungsvorschriften zurück. Nun erklärten beide Seiten schon am ersten Tag des Besuchs den Durchbruch in dieser Frage, ohne dass zunächst Details einer Lösung bekannt wurden. Ein Deal zur zivilen Nuklearkooperation schien erreicht zu sein.

Die USA konkurrieren auf diesem Feld vor allem mit den Russen, die bereits neue Abkommen mit Delhi zum Ausbau der zivilen Atomkraft geschlossen haben. Indien ist ein energiehungriges Land, und Modi hat die Wahl im vergangenen Jahr mit dem Versprechen gewonnen, die lahmende Wirtschaft wieder anzukurbeln. Millionen junge Inder warten auf Jobs. Für den Aufschwung braucht Indien nicht nur neue Kraftwerke, sondern auch Investitionen in vielen anderen Sektoren und einen Ausbau des internationalen Handels. Darüber wurde genauso diskutiert wie über eine engere Zusammenarbeit im Sicherheits- und Verteidigungssektor. Lange waren es die Russen, die Delhi einen Großteil der Waffen lieferten, nun kommen auch die Amerikaner stärker ins Geschäft.

Analysten sehen großes Potenzial nicht nur auf ökonomischer, sondern auch auf strategischer Ebene. Aber die Beziehungen zu festigen, dürfte noch dauern. Obama machte nach seinem Gespräch mit Modi am Sonntag deutlich, dass ein Neuanfang nicht über Nacht möglich sein werde. "Indien und die Vereinigten Staaten sind immer noch ein ganzes Stück von ihrem Ziel entfernt, eine starke geostrategische Verbindung zu zementieren", urteilt der Analyst Ashley Tellis von der Stiftung Carnegie Endowment for International Peace. Doch sie haben jetzt eine Chance, enger zusammenzurücken, weil Modi sein Land stärker öffnet und nach strategischen Partnern sucht. Zumeist wird dies als Versuch interpretiert, dem wachsenden Einfluss der aufsteigenden Großmacht China entgegenzuwirken. Auch Washington setzt auf Gegengewichte zu Peking, so wird Delhi als Partner in Südasien immer wichtiger.

Noch vor einem Jahr hätten allerdings nur wenige erwartet, dass sich Modi und Obama einmal so schnell so nahekommen würden. Jahrelang hatten die USA Narendra Modi die kalte Schulter gezeigt und ihn auf Distanz gehalten, als er noch Ministerpräsident im Bundesstaat Gujarat war. Dort tobten 2002 schwere Unruhen zwischen Hindus und Muslimen. Kritiker beklagten, Modi habe nicht genug getan, um die Gewalt zu stoppen. Doch dann sah die Welt, wie Modi kometenhaft aufstieg und im Mai die indischen Wahlen gewann. Sein Sieg änderte alles, nun wollten die USA nicht mehr zurückblicken, sondern nur noch nach vorne.