Von Hans Leyendecker

Enthüllung im Fitnessstudio: Barack Obama fühlt sich von einer Bild-Journalistin vorgeführt. Sie gab sich als normales deutsches Mädchen aus.

Um das Schnüren und Hinterhertreten von Bild im Reich der Prominenten und Semi-Prominenten zu erklären, haben Journalisten von Springer mal einen anschaulichen Vergleich gewählt: "Wer mit der Bild-Zeitung im Fahrstuhl nach oben fährt, fährt auch mit ihr hinunter". Übersetzt heißt das: Wer sich gemein macht, darf sich später nicht über Gemeinheiten beklagen.

Barack Obama mit Bild-Reporterin Judith Bonesky

Von "Bild"-Reporterin Judith Bonesky fühlt sich Barack Obama gründlich "ausgetrickst". (© Foto:)

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Da ist was dran. Nur - ist auch Barack Obama mit dem Boulevard im Lift, oder gar Paternoster, nach oben gefahren? Wo stand dann die Hebebühne?

Der designierte Präsidentschaftskandidat jedenfalls fühlt sich von der jungen Bild-Reporterin Judith Bonesky ordentlich "ausgetrickst", wie er der New York Times verriet. Die 27-Jährige hatte beim Besuch des Senators am Donnerstag in Berlin das richtige Näschen, wo sich der Politiker ausschwitzen würde: Im Fitnessraum des Hotel Ritz-Carlton.

Obama erinnert sich: "Wir betreten das Sportstudio. Sie ist schon auf dem Laufband. Sie sieht aus wie ein ganz gewöhnliches deutsches Mädchen. Sie lächelt und winkt verlegen, macht sich aber nicht die Mühe, etwas zu sagen. Als ich wieder gehe, sagt sie: Oh, kann ich ein Foto haben? Ich bin ein großer Fan." Sein Assistent Reggie Love habe dann das Foto gemacht. Beide hätten nicht gewusst, dass Frollein unschuldig Reporterin ist. Daraus wurde dann bei Bild eine Spitzengeschichte.

Obama fand die Episode mit Frau Bonesky, die keine Frage hatte, weil sie offenkundig nur aufs Foto wollte (der Begriff Fotoreporterin muss also neu definiert werden), vermutlich wegen des Wahlkampfs bedeutsam. Republikaner daheim fragen, warum er nicht zu verwundeten amerikanischen Soldaten gegangen sei. Etwa, weil Kameras unerwünscht waren?

Über sein Erlebnis mit dem deutschen Boulevard geriet Obama ins Sinnieren. Im Gespräch mit der New York Times-Kolumnistin Maureen Dowd fragte er, ob die sich noch an den Film "Die Farbe des Geldes" mit Paul Newman erinnern könne. In dem Opus von 1986 über Pool-Billard-Zocker, einer sentimentalen Geschichte voller Trickser und Naivlinge, sitze Forest Whitaker als Spieler Amos "einfach nur da und tut so, als könne er nicht Billard spielen", sagt Obama. "Und dann zockt er den Abzocker ab". Die Dame von Bild habe ihn und seine Leute "abgezockt".

Diese Deutung ist in mehrfacher Hinsicht interessant: Im Nachhinein erinnert ihn also die sportlich gestylte Reporterin an einen bärig gemütlichen Schauspieler, dessen linkes Augenlid herabhängt. Und wenn sie zockt, ist er dann der Abzocker?

Bild-Chefredakteur Kai Diekmann, der auch das Einfachste gern überhöht, sagt, seine "sportliche Kollegin" habe "Obamas ausgeklügelte, bis ins letzte geplante PR-Inszenierung für den US-amerikanischen Wahlkampf gestört. Das war eine tolle Reporterleistung, denn Bild ist nicht Teil der Wahlkampfmaschinerie". So eine Erklärung wäre nicht mal Richard Price, dem Drehbuchautor des Newman/Whitaker-Films, eingefallen.

Am Donnerstagabend hat Diekmann im Restaurant Borchardt übrigens Obama die Zeitung mit der Schlagzeile "Bild-Reporterin im Fitness-Studio" gezeigt, Assistent Love wollte (wenn schon, denn schon) als Fotograf genannt werden. In einen Teil der Auflage hat er es noch geschafft.

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(SZ vom 29.07.2008/cag)