Obama in Berlin Die Verzauberung der Massen

Obama im Glück: Der Präsidentschaftsbewerber lockt 200.000 mit hehren Ideen - und doch bleibt er zunächst nur ein Wahlkämpfer.

Ein Kommentar von Stefan Kornelius

Der große Illusionist ist abgereist und noch immer reiben sich ein paar Ungläubige die Augen, ob das alles wahr gewesen sein kann. Vielleicht ist der große Zauberer selbst verwundert, denn auch ihn müsste es irritieren, dass 200.000 Menschen in einem fremden Land auf ihn warten, Menschen, die womöglich nicht einmal seine Sprache sprechen.

An Hysterie grenzende Begeisterung: Menschenfischer Obama in Berlin.

(Foto: Foto: AP)

Vielleicht verdrücken die fleißigen Berater Tränen der Seligkeit, weil auch sie ihr Glück nicht fassen können: Ein Senator und Präsidentschaftskandidat wird bejubelt, wenn er von seinem Vater, dem kenianischen Ziegenhirten, erzählt. Und all das geschieht, während der andere Präsidentschaftskandidat, John McCain, eine fettige Bratwurst in einem deutschen Restaurant in Columbus, Ohio, verdrückt und über die Ungerechtigkeit der Welt jammert.

"Barack im Glück" ist aber kein Grimmsches Märchen, sondern Ergebnis harter Arbeit und vorläufiger Kulminationspunkt eines seltenen politischen Phänomens, das noch nicht hinreichend erklärt ist. Warum fasziniert der Menschenfischer Obama nicht nur die US-Öffentlichkeit, die nach frischer Politik hungert?

Warum schwappt diese an Hysterie grenzende Begeisterung nach Europa über und treibt in Berlin die größte Menschenmenge auf die Straßen, die jemals diesen Mann sehen wollte? Warum diese Freiwilligkeit, diese Begeisterung, diese Sehnsucht nach - ja, auch das muss man nach einem Ereignis in der Mitte Berlins sagen dürfen - nach Führung?

Massenphänomene in der deutschen Hauptstadt eröffnen ungute Deutungsmöglichkeiten. Massenphänomene in der deutschen Politik sind allemal selten bis unerwünscht, und es darf getrost bezweifelt werden, dass das hiesige Parteiensystem jemals einen Typus hervorbringt wie eben den Senator aus Illinois.

Ureigenes politisches Bedürfnis

Massenphänomene sagen aber nicht nur viel aus über den Magier am Rednerpult, sondern auch über die Masse selbst. Diese Masse ist in Berlin nicht in Party-Freibier-Laune auf eine Fanmeile zusammengeströmt, sondern wurde getragen von politischer Neugier, von einem ureigenen politischen Bedürfnis.

Wenn sich so viele Menschen für Politik interessieren, ist das an sich gut. Wer den mangelnden Gehalt von Obamas Rede beklagt oder ein paar Stanzen aus dem rhetorischen Setzkasten der Berufs-Transatlantiker vermisst, der hat ebenfalls nichts verstanden.

Obama kann vor 200.000 Menschen keine faktenschwere Grundsatzrede abliefern. Er darf also Emotionen bedienen, in luftigen Höhen Pirouetten drehen, von der heilen Welt träumen. Und: Hey, es ist Wahlkampf. Obama wollte den Amerikanern zeigen, dass er und das Land wieder geliebt werden. Die Mitarbeiter verteilten US-Flaggen, keine Obama-Fähnchen.

Wer sich aber für Politik interessiert, der sollte sich einen Funken Kritik erhalten, der sollte dem Phänomen der Verführbarkeit widerstehen und Obama dort einordnen, wo er zur Zeit hingehört: in die Kategorie der Wahlkämpfer. Als Wahlkämpfer darf er von der atomwaffenfreien Welt und von der Beseitigung der Armut reden. Als Politiker aber hat er noch nie mit Iran gefeilscht oder Sanktionen gegen Simbabwe durchgesetzt.

Der Wahlkämpfer Barack Obama hat in Berlin Erwartungen geweckt, die der Politiker und möglicherweise der Präsident Barack Obama nur schwer wird erfüllen können. Der Illusionist beflügelte bei seinem deutschen Publikum die Vorstellung von einem geläuterten, neuen Amerika. 200.000 Menschen bejubelten diese Illussion und vergaßen allen Groll, den sie jahrelang gegen Amerika und seinen Präsidenten gehegt hatten.

Ein bisschen mehr Nüchternheit wäre also nicht schlecht, ein bisschen mehr Distanz, und beim Kandidaten: ein bisschen mehr Bescheidenheit. Obama ließ sich feiern, als wäre die harte Arbeit schon erledigt. Vier Jahre später wäre der bessere Zeitpunkt für ein Massenspektakel.

Obamania!

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