Von Reymer Klüver

Barack Obama orientiert sich bei seiner Entscheidung für Clinton als Außenministerin an einem hochgeschätzten Vorbild - und neutralisiert seine ehemalige Rivalin damit.

Überraschend ist die Berufung Hillary Clintons zur Chef-Diplomatin der Obama-Regierung nun wirklich nicht mehr. Aber ungewöhnlich ist sie schon. Über Wochen haben sich Washingtons Analysten die Finger wund geschrieben über das "Team der Rivalen", der Kontrahenten im Vorwahlkampf, über das Team also, das von nun an gemeinsam die sicherheitspolitischen Geschicke der Nation bestimmen wird. Schließlich war es die Außenpolitik, über die beide im Vorwahlkampf die giftigsten Pfeile aufeinander abgeschossen hatten.

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Barack Obama ernennt seine ehemalige Rivalin Hillary Clinton zu seiner Außenministerin - und orientiert sich dabei an seinem großen Vorbild Abraham Lincoln: "Seine Herangehensweise an die Regierungsgeschäfte ist von einer gewissen Weisheit und Demut geprägt, noch ehe er Präsident war. Das finde ich sehr hilfreich." (© Foto: AFP)

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Hatte nicht Barack Obama der Frau bescheinigt, dass sich ihre außenpolitische Erfahrung auf diplomatische Plauderstunden bei Tee und Plätzchen beschränken würde - und jetzt preist er deren Können in den höchsten Tönen? Und hatte sich Hillary Clinton nicht mit der Bemerkung revanchiert, dass alles, was Obama je von Belang zur Sicherheitspolitik zu sagen hatte, sich auf seine Anti-Irakkriegsrede im Herbst 2002 reduzieren lässt?

Warum also hat Obama Clinton überhaupt gefragt? Und, nicht weniger bemerkenswert, warum hat Clinton die Offerte angenommen? Dass Obama als Verteidigungsminister Robert Gates bis auf weiteres im Amt lässt, hat seine innere Logik. Er bringt Ruhe in seine Beziehungen zur Militärführung, die seiner Präsidentschaft, gelinde gesagt, reserviert entgegensieht. Und er löst sein Wahlkampfversprechen ein, Republikaner in sein Kabinett zu berufen. Aber warum dazu die ebenfalls eher als sicherheitspolitischer Falke geltende Clinton?

Obama hat in den letzten Wochen wiederholt darauf hingewiesen, dass er sich mit der Geschichte seiner Vorgänger beschäftigt hat. Insbesondere die Schriften des in den USA hochverehrten Präsidenten Abraham Lincoln haben es Obama angetan: "Seine Herangehensweise an die Regierungsgeschäfte ist von einer gewissen Weisheit und Demut geprägt, noch ehe er Präsident war. Das finde ich sehr hilfreich", hat er neulich in seinem ersten Fernsehinterview nach der Wahl bekannt. So etwas sagt Obama nicht zufällig. Lincoln hatte seinen parteiinternen Konkurrenten im Präsidentschaftswahlkampf, William Seward, zum Außenminister gemacht. Klein kann man die Fußstapfen wirklich nicht nennen, in denen Obama zu wandeln gedenkt.

Tatsächlich aber ist viel Taktik bei der Berufung Clintons im Spiel. Zum einen will Obama beweisen, dass er es ernst meint mit seinem Versprechen, die alten Spielchen sein zu lassen und auch politische Gegenspieler einzubinden. Zum anderen neutralisiert er schlicht und einfach seine Erzrivalin.

Als seine Außenministerin ist Hillary Clinton als potentielle Konkurrentin um die Präsidentschaftskandidatur 2012 ebenso ausgeschaltet wie als Störfaktor im Senat. Im Vorwahlkampf hat sie bewiesen, welch gefährliche Gegnerin sie sein kann. Jetzt ist sie in die Kabinettsdisziplin eingebunden.

Obama weiß, dass über Wohl oder Wehe seiner Präsidentschaft jedenfalls auf absehbare Zeit weniger die Außen- als vielmehr seine Wirtschafts- und Sozialpolitik entscheidet. Er muss sich auf die Bewältigung der Krise konzentrieren und auf die Umsetzung vor allem der versprochenen Gesundheitsreform. Da braucht er Ruhe an der außenpolitischen Front. Die Ruhe wird er angesichts der Ereignisse zwar kaum finden. In Clinton aber hat er zumindest jemanden, auf den er sich verlassen kann. "Sie ist ein guter Teamspieler", heißt es im Obama-Lager voller Anerkennung über ihren Einsatz für den einstigen Rivalen im Wahlkampf gegen John McCain.

Wie kaum einem anderen Amerikaner- außer vielleicht ihrem Mann, Al Gore oder Obama selbst - dürften ihr die Türen in aller Welt offenstehen. Sie hat nicht nur die Autorität ihres Amts, sondern unabhängig davon auch hohes persönliches Ansehen. Und Zweifel, dass sie im Fall eines Falles genügend Härte zeigen wird, dürfte es auch nicht geben.

Eine größere Bühne als das Außenamt gibt es nicht

Im Gegenteil, die Parteilinke hat vernehmlich aufgestöhnt nach Obamas Offerte, weil sie außenpolitisch gerne den Falken gegeben hat. Auch das kommt Obama zu pass, um etwaige Vorwürfe der Rechten zu kontern, gegenüber den Feinden Amerikas zu nachgiebig zu sein.

Clinton selbst hat kurz gezaudert - aber lange genug, dass alle es auch mitbekommen konnten. Tatsächlich gibt sie beträchtliche politische Freiheit auf, die sie zweifelsohne als beliebte und angesehene Senatorin genießt. Doch dürfte sie sich ausgerechnet haben, dass ihr die alten Männer im Senat kaum Platz machen und einen der begehrten Ausschussvorsitze überlassen werden.

Eine größere Bühne als das angesehene Außenamt dürfte es deshalb auf absehbare Zeit für sie nicht geben. Und sie hat sich von Obama zusichern lassen, dass sie als Außenministerin jederzeit direkten Zugang zu ihm haben wird - und nicht über Sicherheitsberater James Jones gehen muss. Das ist zwar ein offenkundiges Rezept für Konflikte im sicherheitspolitischen Kabinett Obamas. Aber Konflikte hat Hillary Clinton bekanntlich noch nie gescheut.

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(SZ vom 02.12.2008/gba)