Obama bleibt US-Präsident Moral und Emotion ersetzen Argumente

91 Prozent der Deutschen hätten Barack Obama gewählt. Ihnen ist egal, dass er in unserem Parteiensystem wohl eher im konservativen Flügel der FDP verortet würde. Die deutsche Liebe zum alten und neuen US-Präsidenten ist eine emotionale, keine pragmatische Angelegenheit. Doch genau das ist ein amerikanischer Import.

Ein Kommentar von Andrian Kreye

Der Staat, in dem Barack Obama den mit Abstand höchsten Stimmenanteil hatte, durfte nicht wählen. 91 Prozent der Bürger der Bundesrepublik Deutschland hätten laut ARD für Obama gestimmt. Der Anteil für Romney war unter Einberechnung der Politikverweigerer und pathologischen Phlegmatiker statistisch kaum messbar. Schaut man sich die Zahlen der Onlinekanäle an, wurde die Wahlnacht in Deutschland so begeistert verfolgt wie einst die Mondlandung oder Boxkämpfe von Muhammad Ali. Es gab sogar einige deutsche Bürger, die sich nach Amerika aufmachten, um dort in einem der Wahlkampfbüros Obamas auszuhelfen.

Mal ehrlich - wer würde für das Duell Merkel/Steinbrück die Nacht durchmachen? Wie viele Begeisterte würden sich hierzulande freinehmen, um wochenlange Ochsentouren im Dienste des Wahlkampfs auf sich zu nehmen? Die deutsche Begeisterung für Obama hat etwas Skurriles. Sie greift aber vor allem zwei historische Strömungen auf.

Da ist zum einen die Sehnsucht nach dem Amerika des 20. Jahrhunderts, das als Vorbild der freien Welt den Weg in eine bessere Welt freischaufelte. Das waren die ersten Versuche einer sozialen Marktwirtschaft, die Franklin D. Roosevelt nach der großen Wirtschaftskrise mit seinem New Deal in der amerikanischen Gesellschaft verankerte, während Europa in Diktatur und Krieg versank. Das war Amerikas beherztes Eingreifen in den Zweiten Weltkrieg, das Europa vor dem totalen Untergang bewahrte. Das waren aber auch die Jahre der Bürgerrechtsbewegung mit der Lichtgestalt John F. Kennedy und diesem ebenso unwiderstehlichen Kulturpaket aus Beatniks, abstrakter Malerei und Rockmusik.

Obama hat einige dieser historischen Fäden aufgenommen. In seiner Amtszeit hat er die Rolle der Frau politisch gestärkt, das Gesundheitssystem reformiert, er hat sich an der letzten Front der Bürgerrechtskämpfe für die Rechte von Schwulen eingesetzt, den Irakkrieg beendet und den Abzug aus Afghanistan eingeleitet. Vor allem aber hat er einen europäischen Geist in die amerikanische Politik gebracht, der von Solidarität und Mitgefühl geprägt ist. Deswegen hassen ihn viele Amerikaner so leidenschaftlich wie ihn die Deutschen lieben.

Die negative Auslegung dieser deutschen Liebe ist allerdings eine unangenehme Mischung aus Antiamerikanismus und Philorassimus. Seit dem Beginn der konservativen Revolution mit Richard Nixons Präsidentschaftswahlsieg von 1968 definierte sich die europäische, aber vor allem die deutsche Volksseele immer stärker als Antipode zum Sozialdarwinismus und Großmachtstreben der USA.