NSU-Untersuchungsausschuss Einblicke ins totale Chaos

Kerzenschein-Dinner im Amt, Hausbesuche von V-Leuten und laxer Quellenschutz: Die Zeugen vor dem Thüringer NSU-Untersuchungsausschuss verstricken sich in Widersprüchen. Wie der ehemalige Verfassungsschutz-Chef Roewer ins Amt gelangte, weiß keiner mehr genau. Klar ist nur: Dieser Geheimdienst konnte nicht funktionieren.

Von Christiane Kohl

Die Urkunde war vom Ministerpräsidenten persönlich unterschrieben. So weit kann sich Michael Lippert, einst Staatssekretär im thüringischen Innenministerium, noch erinnern. Wie es jedoch genau zur Berufung des umstrittenen Thüringer Verfassungsschutz-Chefs Helmut Roewer gekommen war, wer den Mann vorgeschlagen und wer ihm das Ernennungsschreiben in Erfurt ausgehändigt hatte, weiß der Spitzenbeamte a. D. heute angeblich nicht mehr: "Ich kann mich nicht erinnern", wiederholt Lippert immer wieder mit beinahe tonloser Stimme, mögen ihn die Abgeordneten im Thüringer Landtag auch noch so bohrend fragen.

Auch der frühere Erfurter Innenminister Franz Schuster (CDU), der in den neunziger Jahren Lipperts Vorgesetzter war, hat in diesem Punkt eine große Gedächtnislücke. Bereits zum zweiten Mal wird er an diesem Dienstag vor den Erfurter Untersuchungsausschuss zur Aufklärung von möglichen Pannen bei der Fahndung nach dem Rechtsterror-Trio "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) zitiert.

Doch ihm fällt wieder nichts ein zu der vielleicht wichtigsten Personalentscheidung, die während seiner Zeit als Innenminister getroffen wurde: "Das Kabinett hat da entschieden", sagt Schuster nur vage, er habe lediglich "eine neutrale Zuleitung" unterzeichnet.

Der Berufene kann ebenfalls kaum etwas zur Wahrheitsfindung beitragen: Roewer weiß angeblich nur noch, dass die Ernennungsurkunde in einem gelben Umschlag gesteckt habe, der ihm abends, irgendwann gegen 23 Uhr, in einer Erfurter Kneipe zugesteckt worden sei: "Ich war betrunken, es war dunkel", rechtfertigt der frühere Verfassungsschutzpräsident sein Erinnerungsleck - am nächsten Morgen habe er den Umschlag in seiner Tasche gefunden.

Wie auch immer die Ära Roewer im Frühsommer 1994 in Erfurt begann - es sollte eine der wohl schillerndsten Phasen in der Geschichte eines deutschen Landesgeheimdienstes werden. So berichten einstige Mitarbeiter heute vor dem Ausschuss, dass der Chef zuweilen barfuß über die Behördenflure geschlendert sei oder dort auch geradelt sei. Untergebene habe er in seinem Amtszimmer auch schon mal leger mit hochgelegten Beinen empfangen, die dreckigen Fußsohlen auf der Schreibtischplatte ruhend.

Nein, erklärt Roewer hernach in seiner Befragung, die er im dunkelblauen Anzug mit roten Wildlederschuhen bestreitet, dergleichen sei niemals vorgekommen. Auch das Candle-Light-Dinner, von dem der frühere Abteilungsleiter für Rechtsextremismus im Thüringer Geheimdienst, Friedrich Karl Schrader, dem Ausschuss berichtet hat, habe so nie stattgefunden.

Schrader, der ersichtlich ein Intimfeind Roewers war, hatte von Rotwein und Käse erzählt, von Kerzenschein und sechs Damen vom Amt. "Wie ein balzender Auerhahn" habe Roewer sich benommen. Und in diesem Ambiente habe er, Schrader, dem Chef auch noch von einer geheimen Observation Bericht erstatten sollen.