NSU-Prozess Zschäpe: Ehepaar E. wusste von Raubüberfällen

Die Angeklagte Beate Zschäpe am 16.3.2016 im Gerichtssaal im Oberlandesgericht in München

(Foto: dpa)
  • Beate Zschäpe hat vor Gericht ausgesagt, ihr Mitangeklagter André E. und dessen Frau Susann hätten gewusst, dass das Terror-Trio Raubüberfälle beging.
  • Von den Morden soll das Ehepaar aber nichts erfahren haben.
  • André E. ist bekennender Neonazi. Er äußert sich im Prozess bisher nicht.
Aus dem Gericht berichtet Annette Ramelsberger

Die Hauptangeklagte im NSU-Prozess Beate Zschäpe hat einen Mitangeklagten und dessen Frau schwer belastet. Der Angeklagte André E. und seine Frau Susann E. aus Zwickau hätten von 2007 an davon gewusst, dass ihre Freunde Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos immer wieder Raubüberfälle begingen, um sich zu finanzieren. Damals hätten sie die befreundete Familie in ihr Leben eingeweiht - von den Morden aber sollen André und Susann E. nichts erfahren haben.

Zschäpe antwortete am Mittwoch erneut auf Fragen des Gerichts, die dieses bereits vor Wochen gestellt hatte. Ihr Wahlverteidiger Herrmann Borchert verlas die sorgsam ausgearbeiteten Antworten auf die 39 Fragen nach der Rolle der Familie E., aber auch nach dem Alkoholkonsum Zschäpes und ihren damaligen Zukunftsplänen, falls ihre Gefährten einmal gefasst würden.

Die Angeklagte zeichnete ein seltsames Bild dieser Freundschaft: Immer wieder, fast jede Woche, sei die Familie E. mit ihren zwei kleinen Kindern zu ihr in die Wohnung gekommen. Sie habe dabei darauf geachtet, dass keine Waffen offen herumlagen - schon wegen der Kinder. Dann gab es einen Wasserrohrbruch im Haus, Zschäpe sollte als Zeugin bei der Polizei aussagen und André E. half ihr, ihre Identität zu verbergen. Er gab ihr den Personalausweis seiner Frau Susann und gab sich bei der Polizei als ihr Mann aus. So entkam Zschäpe der Entdeckung.

Freundschaft trotz Banküberfällen

Zschäpe ließ erklären, André E. habe gewusst, dass die drei wegen des Sprengstofffundes in ihrer Garage in Jena gesucht würden und wegen einer Haftstrafe, der sich Böhnhardt entziehen wollte. Er habe dann aber gefragt, wann sie eigentlich wieder ins bürgerliche Leben zurückkehren wollten, die Sache müsse doch mal verjährt sein. Daraufhin hätten sie ihn eingeweiht, dass sie immer wieder Banküberfälle begingen und nicht auftauchen könnten.

Wie André E. auf diese Erkenntnisse reagiert hat, das erklärte Zschäpe nicht. Offenbar tat das Bekenntnis der Freundschaft aber keinen Abbruch. Die Familie kam weiterhin jede Woche zum Spielen mit den Kindern, das habe ihr sehr gut getan, ließ Zschäpe sagen, weil sie selbst keine Kinder bekommen könne. André E. äußert sich im Prozess bisher nicht. Er ist bekennender Neonazi, auf seinem Bauch hat er sich die Worte "Die, Jew, Die" tätowiert: Stirb, Jude, stirb.

Als sie dann am 4. November 2011 vom Tod ihrer Freunde erfuhr und die Wohnung in Brand gesetzt habe, so Zschäpe, da habe sie auch bei André E. angerufen, der ihr Kleider seiner Frau gegeben und sie zum Bahnhof gebracht habe. Er habe sie auch gefragt, ob sie sich nun auch umbringen oder flüchten wollte. Sie konnte ihm aber nicht antworten. Sie habe es selbst noch nicht gewusst. Vier Tage später stellte sie sich der Polizei.

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