NSU-Prozess Zeugin identifiziert Böhnhardt als Bomben-Transporteur

  • Im NSU-Prozess zeigt sich eine Rentnerin überzeugt, dass sie Uwe Böhnhardt kurz vor dem Nagelbombenanschlag 2004 in der Kölner Keupstraße beobachtet hat. Er habe ein Fahrrad mit einer schwarzen Box geschoben.
  • Die Ermittler gehen allerdings davon aus, dass Uwe Mundlos den Sprengsatz platzierte.
  • Betroffene Zeugen erzählen von ihrer Angst und den Folgen des Anschlags mit mehr als 20 Verletzten.
Aus dem Gericht von Tanjev Schultz

Es ist nun schon der 178. Verhandlungstag im NSU-Prozess, und am Morgen wundern sich die Zuschauer und Journalisten, wer da unerwartet neben Beate Zschäpe und ihren Verteidigern Platz nimmt. Ein neues Gesicht. Ein Mann, der hier zuvor nicht zu sehen war und der sich jetzt eine schwarze Anwaltsrobe überzieht. Hat Zschäpe einen neuen Verteidiger? Im vergangenen Jahr sah es ja zeitweise so aus, als wollte sie ihre Anwälte loswerden. Am Ende blieb aber alles beim Alten.

Wer der Neue ist, klärt sich rasch auf: Florian Schulz. Er gehört zur Koblenzer Kanzlei von Wolfgang Stahl, einem der drei Zschäpe-Verteidiger - neben Wolfgang Heer und Anja Sturm. Schulz ist am Dienstag nur als Stahls Vertreter im Gericht. Und so legt sich das Getuschel schnell wieder.

Im Prozess geht es wie geplant weiter mit Zeugen aus der Kölner Keupstraße, in der am 9. Juni 2004 eine Nagelbombe mehr als 20 Menschen verletzte. Schon in der vergangenen Woche hatten drei Tage lang Opfer ausgesagt und erzählt, wie sie die Explosion erlebten und wie ihre seelischen und körperlichen Verletzungen bis heute nachwirken.

Richter Götzl wird ruppig

Der Geschäftsmann Arif S., in dessen Laden Nägel einschlugen, sagt am Dienstag, er habe nach dem Anschlag "immer Angst" gehabt. Er könne oft nachts nicht schlafen, er sei nervös, er könne nicht in ein Flugzeug steigen und nicht Fahrstuhl fahren. Enge Räume bereiten ihm Schwierigkeiten.

Richter Manfred Götzl befragt die Zeugen heute teilweise recht ruppig. Er will wissen, warum der Zeuge nicht zum Arzt gegangen sei, obwohl er angegeben habe, unter Hörproblemen zu leiden. "Ich hatte Angst", sagt Arif S., und Götzl lässt erkennen, dass das für ihn kein plausibler Grund ist, auf medizinische Hilfe zu verzichten. Für den Richter sind die Schädigungen schwer einzuschätzen, wenn es keine ärztlichen Atteste gibt.

Arif S. sagt, die Polizei habe ihn schlecht behandelt. Auch deshalb habe er Angst gehabt. Er habe schon damals die Meinung vertreten, dass Neonazis die Täter seien, aber ein Beamter habe daraufhin einen Finger an den Mund gehalten und "Pssst!" gesagt. Sollte sich dies tatsächlich so zugetragen haben, ließe dies abgrundtief blicken auf die Arbeit der Ermittler.

Gasflasche und 700 Zimmermannsnägel

Der Anschlag wirkte sich auch nachhaltig auf das Geschäftsleben in der Keupstraße aus. Die Zeugin Ebru A. betrieb dort einen Schmuckladen. Durch großes Glück wurde sie nicht von den Nägeln getroffen, die in ihrem Laden einschlugen. Doch nach dem Anschlag musste sie nicht nur den Schock verarbeiten, sondern auch einen Rückgang der Kundschaft verkraften. Nach einigen Monaten musste sie das Geschäft aufgeben.

Die Bombe explodierte ein paar Meter entfernt vom Schmuckgeschäft vor einem türkischen Friseursalon. Eine Rentnerin berichtet vor Gericht, dass sie kurze Zeit vor dem Anschlag einen Mann gesehen habe, der ihr auf dem Fußweg entgegenkam. Sie wunderte sich über ihn, weil er ein Fahrrad äußerst vorsichtig neben sich herschob. "Das Rad war ganz neu, die Speichen blinkten, es hatte keinen Platten. Ich konnte mir keinen Reim darauf machen", sagt Gerlinde B., die in der Nähe ein Fitnessstudio besuchte.

Gerlinde B. ist heute überzeugt davon, dass der von ihr beobachtete Mann der NSU-Terrorist Uwe Böhnhardt war, der auf dem Rad die Bombe transportierte. Der schlanke Mann sei etwa so alt gewesen wie ihr Sohn, habe Sportkleidung getragen und einen angespannten Eindruck auf sie gemacht. Die Polizei fragte sie damals, ob der Mann ein Türke oder Kurde gewesen sein könnte. Das verneinte die Zeugin.

Auf dem Gepäckträger habe sich eine schwarze Box befunden. Nach den Erkenntnissen der Polizei befand sich in dieser Box - einem Hartschalenkoffer - die Sprengvorrichtung aus einer Camping-Gasflasche und mehr als 700 Zimmermannsnägeln. Allerdings gehen die Ermittler davon aus, dass nicht Böhnhardt, sondern Uwe Mundlos das Rad mit der Bombe schob und schließlich vor dem Friseursalon abstellte. Böhnhardt soll in sicherer Entfernung auf Mundlos gewartet haben; die Bombe wurde per Fernzündung zur Explosion gebracht. Die beiden Terroristen sollen mit eigenen Fahrrädern geflüchtet sein.

Ein weiterer Zeuge beschreibt im Gericht, dass ihm nach der Explosion ein Radfahrer entgegengekommen sei, in großem Tempo, mit "Panik im Gesicht". Möglicherweise war das einer der flüchtenden Täter.