NSU-Prozess Vater Böhnhardt, Mutter Zschäpe, Kind Mundlos

Vor Gericht schildern Urlaubsbekanntschaften ihren Eindruck von der Rollenverteilung im NSU-Trio: Beate Zschäpe soll Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos "regelrecht bemuttert" haben - und mehr als eine Mitläuferin gewesen sein.

Aus dem Gericht berichtet Tanjev Schultz

Uwe Böhnhardt schipperte im Urlaub gerne mit einem Schlauchboot auf der Ostsee herum. Es hatte einen 5-PS-Motor. Manchmal war der NSU-Terrorist stundenlang auf dem Wasser, Beate Zschäpe soll sich dann schon Sorgen gemacht haben. So hat es eine Urlaubsbekannte erzählt. Das Bootfahren war für Böhnhardt wichtig. Als der Motor kaputt ging - Vergaser-Schaden - ließ er ihn im Frühjahr 2011 noch rechtzeitig vor den nächsten Ferien auf Fehmarn reparieren. Im NSU-Prozess trat deshalb am Mittwoch der Bootshändler Mario G. aus Sachsen auf. Der 27-Jährige brachte den Motor wieder zum Laufen. "Es war eine unauffällige Sache, ein Geschäft wie jedes andere", sagt der Zeuge. Wirklich?

Immerhin beschäftigt sich das Gericht ausführlich mit den Details. Die Rechnung wird am Mittwoch präsentiert (178 Euro), das Kundengespräch möglichst genau rekonstruiert. Offenbar hatte sich Beate Zschäpe telefonisch bei dem Händler gemeldet, später soll sie mit Böhnhardt den Motor vorbeigebracht und vermutlich auch wieder abgeholt haben. Mario G. hat Zschäpe, die unter einem anderen Namen das Geschäft abwickelte, auf Fotos wiedererkannt. Gut in Erinnerung hat der Zeuge noch, dass das Paar in einem Audi A 3 vorfuhr. "Autos bleiben mir länger im Gedächtnis als Personen, weil ich mich mehr für Autos interessiere."

In seiner Männerwelt war es für Mario G. ungewöhnlich, dass da eine Frau und nicht der Mann an ihrer Seite das Wort führte. Bei der Polizei gab er sogar zu Protokoll, die Frau, die er später als Zschäpe identifizierte, sei "dominant" aufgetreten. Sie habe die Hosen angehabt. Vor Gericht ist ihm das jetzt etwas unangenehm, er nimmt die Aussage jedoch nicht zurück. Mit einem Kollegen hat er, als das Paar wieder weg war, noch Witzchen gemacht: So eine Frau hätten sie nicht so gerne. Beate Zschäpe hört das nun alles vor Gericht, stoisch wie immer.

Puzzlestück für das Bild von Beate Zschäpe

Für die Ankläger ist die Aussage von Mario G. ein weiteres kleines Puzzlestück, das am Ende ein Bild von Zschäpe entstehen lassen soll: das Bild einer Frau, die mehr war als nur eine Mitläuferin ihrer Freunde Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. Gäbe es nur die Aussage von Mario G., müsste man sich fragen, was der kurze Eindruck eines Motor-Machos bringen soll. Doch Wahrnehmungen anderer Zeugen deuten ebenfalls darauf hin, dass Zschäpe recht selbstbewusst durchs Leben ging.

Nach dem Bootshändler nimmt Britta K. auf dem Zeugenstuhl Platz, eine Urlaubsbekannte des Trios. Sie lernte die drei im Sommer 2011 auf Fehmarn beim Campen kennen. Gerry alias Böhnhardt fuhr wieder mit seinem Boot herum und nahm die Kinder der Bekannten mit. Max alias Mundlos ging zum Surfen, Liese alias Zschäpe gab sich sehr viel Mühe, das Essen zuzubereiten. Sie soll die Männer "regelrecht bemuttert" haben. Das Trio hinterließ einen harmonischen Eindruck. Sie hätten wie ein "eingespieltes Team" gewirkt, Streit gab es nicht, sagt Britta K.

Zschäpe soll vorgegeben haben, in einer Boutique ihrer Eltern zu arbeiten, Mundlos in der Computerbranche und Böhnhardt als Kurierfahrer. Mit Zschäpe unterhielt sich die Zeugin über Katzen, über Mode, über allerlei Belangloses. Man habe gemeinsam einen netten Urlaub verbracht.

Zschäpe wie die Mutter, Böhnhardt wie der Vater

Als dann wenige Monate später der NSU aufflog und bekannt wurde, wer Max, Gerry und Liese wirklich waren, war das ein Schock für Britta K. und ihre Familie. Die Kinder seien sehr traurig gewesen, als sie hörten, dass Max und Gerry tot sind. Die NSU-Terroristen hatten sich am 4. November 2011 in ihrem Wohnmobil erschossen.

Auch andere konnten sich erst nicht vorstellen, dass sie so getäuscht worden sind. Die Familie von Caroline R. freundete sich ebenfalls auf Fehmarn mit dem Trio an. Die Kinder hätten viel Zeit mit den dreien verbracht. "Es war ein schöner Urlaub für uns", sagt Caroline R. Sie beschreibt das Trio so: Zschäpe habe in dem Trio wie die Mutter gewirkt, Böhnhardt wie der Vater, Mundlos wie das Kind. Er sei verspielt gewesen und eine Quasselstrippe.

Auch Britta K. hat Mundlos als besonders gesprächig erlebt. Er sei zudem ein "Frauenversteher" gewesen und durch seine gute Allgemeinbildung aufgefallen. Als die Urlauber gemeinsam "Wer wird Millionär?" spielten, hat der Mann vom NSU gewonnen.