NSU-Prozess "So leicht ist es nicht, mich aus Deutschland zu vertreiben"

Eine Bombe zerstörte beinahe das Leben einer jungen Frau, deren Eltern aus Iran stammen. Sie überlebte schwer verletzt und arbeitet heute als Ärztin. Im NSU-Prozess sagt sie: "Ich will kein Opfer sein."

Von Annette Ramelsberger und Tanjev Schultz

Der freundliche junge Mann hatte seinen Einkaufskorb kurz vor Weihnachten in ihrem Laden abgestellt. Eine rote Christstollendose lag schon drin, dazu eine Tüte Erdnussflips, der Mann wollte bei ihnen noch Whisky kaufen. Da merkte er, dass er seine Geldbörse nicht dabei hatte. Er wollte sie nur schnell holen und ließ den Korb mit der Christstollendose da. Aber er kam nicht wieder. Nicht vor Weihnachten, nicht nach Weihnachten.

Die Familie des Ladenbesitzers räumte den Korb nach hinten in ihren Aufenthaltsraum, damit er nicht störte. Und im Januar wollte die 19 Jahre alte Tochter nachsehen, was da eigentlich drin war, in dieser mit Sternen verzierten Dose. Sie sah eine blaue Campinggasflasche und dachte noch: Komisches Geschenk zu Weihnachten. An eine Bombe dachte sie nicht.

Es war eine Bombe, "ein Bömbchen", wie die Täter vom NSU später in ihrem Bekennervideo zynisch lästerten. Sie schweißte der Schülerin am 19. Januar 2001 die Augen zusammen, zerstörte ihre Trommelfelle, zerschnitt ihr Gesicht, verbrannte die Haare, die Haut. Splitter bohrten sich in ihren Kiefer. Die Druckwelle nahm ihr den Atem, ihre Eltern schleppten sie nach draußen . Sie wachte erst sechs Wochen später wieder auf: aus dem Koma.

Allein, dass sie hier sitzt, ist erstaunlich

Das Mädchen von damals ist nun eine erwachsene Frau, 32 Jahre alt. An diesem Mittwoch, 13 Jahre später, sitzt sie als Zeugin im NSU-Prozess. Eine hochgewachsene Frau mit großen Augen und einer tiefen, rheinisch gefärbten Stimme. Allein, dass sie hier sitzt, ist erstaunlich. Aber wie sie hier sitzt, grenzt an ein Wunder.

Der Tatort: Am 19. Januar 2001 explodierte in dem Lebensmittelgeschäft in Köln die Bombe, die der NSU dort zurückgelassen hatte.

(Foto: dpa)

Sie hat noch im Jahr des Anschlags ihr Abitur nachgemacht, hat erst Chemie und Physik studiert, dann Medizin. Heute ist sie Ärztin. Und möglicherweise erlaubt ihr dieser Beruf, so professionell, so distanziert darüber zu sprechen, wie sie überlebte. Vor ihr ist ein Polizist dran, der sie damals in einer Klinik für Brandverletzte besucht hat.

Der Mann ist noch immer berührt. "Das Opfer war verbrannt, aufgedunsen, blutende Verletzungen im Gesicht, an den Unterarmen", sagt er. Man hört ihn tief atmen. "Es sah aus wie ein Stück Grillfleisch, ein Bild des Grauens, es gibt keine passenden Worte. Ich habe in meiner Laufbahn als Polizist wirklich viel Blut, viele Leichen, viel Elend gesehen, aber dieses Opfer war für mich an der Spitzenposition."

Das Schwarzpulver hatte sich in ihr Gesicht gebrannt

Dann kommt die junge Frau und das Wort Opfer verbietet sie sich sofort. Hier sitzt eine, die nicht bemitleidet werden will. Sie will auch nicht, dass man ihren Namen nennt. Sie will nicht darauf reduziert werden, Opfer zu sein, hat sie vor Monaten der Süddeutschen Zeitung erzählt. Und das macht sie auch vor Gericht deutlich. Sie ist in Köln aufgewachsen, sie kam als ganz kleines Mädchen mit ihren Eltern aus Iran. Die Eltern hatten das Lebensmittelgeschäft, sie legten Wert auf Bildung.

Die Abiturientin ist dann schrittweise aus dem Koma aufgeweckt worden, ihre Eltern lasen ihr die Briefe von Freunden und Klassenkameraden vor. Aber sie hielten alle Spiegel vor ihr versteckt. Als sie das erste Mal wieder allein auf die Toilette gehen konnte, blickte sie sich im Badspiegel an. "Ich bin erschrocken", sagt sie. "Ich hatte keine Haare mehr, alles war blau, grün, verbrannt, Schnittwunden im Gesicht." Sie war 19, eine junge Frau, die schön sein wollte.