NSU-Prozess Selbstbewusst, aber eine Mitläuferin

Beate Zschäpe (Mitte) mit ihren Anwälten

(Foto: dpa)
  • Im Münchner NSU-Prozess sagt der Zeuge Christian K. aus, der früher wie Beate Zschäpe zur braunen Kameradschaft in Jena gehörte.
  • K. beschreibt Zschäpe als "sehr selbstbewusste Frau, aber als "Mitläuferin". Sie habe eine "gewisse Bauernschläue" gehabt. Uwe Mundlos dagegen sei intelligent, Uwe Böhnhardt unberechenbar gewesen.
  • In der rechten Szene, sagt K., sei über das Trio nach dessen Untertauchen nicht viel gesprochen worden.
Aus dem Gericht von Tanjev Schultz, München

Der NSU-Prozess kann weitergehen. Beate Zschäpe, die krank war, ist am Mittwoch wieder im Gericht erschienen. Dort ist sie nun konfrontiert mit Christian K., der wie sie früher zur braunen Kameradschaft in Jena gehörte. Der 34-Jährige, der für eine Software-Firma arbeitet, wirkt aber ganz anders als die vielen Zeugen aus der rechten Szene, die bisher hier aufgetreten sind. Von der radikalen Gesinnung hat er sich offenbar längst gelöst. Er spricht flüssig und eloquent, zeigt sich auskunftsfreudig - eine wohltuende Abwechslung.

Für Zschäpe sind seine Aussagen nicht ganz so angenehm. Er will sie und ihre Freunde Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt etwa 1996 kennengelernt haben, zwei Jahre vor dem Untertauchen des Trios. Der Richter bittet den Zeugen, die drei Personen zu charakterisieren. Während er Uwe Mundlos als intelligent beschreibt, sagt Christian K. über Beate Zschäpe, er habe sie als "sehr selbstbewusste Frau, aber als Mitläuferin wahrgenommen", als "heitere Person", die "nicht besonders intelligent" gewesen sei und "eine gewisse Bauernschläue" gehabt habe. Die Angeklagte verzieht keine Miene.

Eine "Mischung aus Bewunderung und Angst"

Einmal sei er bei ihr in der Wohnung in Jena gewesen, vermutlich dort habe er auch das "Pogromly"-Spiel gesehen. Das selbstgebastelte Spiel - eine Art Monopoly für Neonazis, das den Holocaust verherrlichte - sei von ihm damals mit Irritation und Interesse betrachtet worden. Heute würde er darüber schockiert sein, sagt der Zeuge.

Über Uwe Böhnhardt sagt er, dieser habe auf ihn verschlossen gewirkt: "eine black box, man konnte nicht in ihn hineinschauen". Böhnhardt sei unberechenbar gewesen und habe schlagartig aggressiv werden können. So ähnlich hatte es vor einiger Zeit schon ein anderer Zeuge ausgedrückt. Böhnhardt habe zudem eine Affinität zu Waffen gehabt, sagt Christian K., der dem älteren Kameraden mit einer "Mischung aus Bewunderung und Angst" begegnet sei. Böhnhardt habe regelmäßig mindestens einen Schlagstock oder ein Messer dabei gehabt.

Was machen die denn die ganze Zeit? Play-Station spielen

Christian K. gelangte über seinen älteren Bruder André in die rechte Szene, der sich gemeinsam mit dem Angeklagten Ralf Wohlleben nach dem Untertauchen des Trios immer mehr zu einer Führungsperson entwickelt habe. Das Verhältnis zum Bruder beschreibt Christian K. als "nie besonders brillant". Während der Bruder nach dem Verschwinden des Trios weiterhin Kontakt zu den Dreien gehabt haben soll, beteuert der Zeuge, sie nicht mehr gesehen oder gehört zu haben.

Allerdings sei er Anfang des Jahres 2000 auf einer rechten Schulungsveranstaltung von einer ihm nicht bekannten Person auf das Trio angesprochen worden. Es habe geheißen, die drei würden sich in Chemnitz aufhalten. " Ich hab' gefragt, was machen die denn die ganze Zeit? Er sagte: Play-Station spielen." Viel mehr will Christian K. nicht erfahren haben. "Ich hab mich sehr unwohl gefühlt und auch vermieden, weitere Fragen zu stellen."

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Als 2011 der NSU entdeckt wurde, habe er sich Gedanken darüber gemacht, ob er etwas hätte verhindern können. Er war damals nicht zur Polizei gegangen, angeblich hat Christian K. sich auch mit sonst niemandem über das seltsame Gespräch ausgetauscht. Er habe gedacht, dass vielleicht der Verfassungsschutz etwas mit der Ansprache zu tun haben könnte.

Wer nachfragte, galt schnell als Informant des Verfassungsschutzes

In der Szene sei nicht viel über die Untergetauchten gesprochen worden. Es habe Gerüchte gegeben, die drei könnten tot sein oder sich nach Südafrika abgesetzt haben. Wenn man nachgefragt habe, sei man schnell verdächtigt worden, ein Informant des Verfassungsschutzes zu sein.

Christian K. scheint sich aber damals durchaus intensiv mit dem Schicksal des Trios beschäftigt zu haben. Er war Mitglied in der Band "Eichenlaub", für die er sogar ein Lied über die drei schrieb. Es hieß "5. Februar", eine Anspielung auf den Tag des Untertauchens (der in Wahrheit bereits Ende Januar 1998 war). In dem Song hieß es: "Ihr hattet wohl keine andere Wahl. [....] Zurück könnt Ihr jetzt wohl nicht mehr. [...] Die Kameradschaft bleibt bestehen [...] Der Kampf geht weiter, für unser deutsches Vaterland."

Als er Jahre später erfuhr, welche Verbrechen den dreien angelastet werden und wer noch nach dem Untertauchen Kontakt zu ihnen gehabt haben soll, sei er erschüttert gewesen.