NSU-Prozess Richter Götzl tastet sich an den inneren Kreis des NSU heran

  • Mit weiteren 39 weiteren Fragen will Richter Götzl Zschäpes Verhältnis zum Mitangeklagten André E. und seiner Frau auf den Grund gehen.
  • André E. hat bislang im Prozess nicht ausgesagt, er hatte Zschäpe nach dem Tod von Mundlos und Böhnhardt geholfen.
  • Götzl will auch wissen, wie sich Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt das weitere Leben vorgestellt haben.
Aus dem Gericht von Annette Ramelsberger

Der Richter gibt nicht nach. Schon einmal, im Dezember, hat er der Hautpangeklagten im NSU-Prozess Beate Zschäpe, 54 Fragen gestellt. Nun legt er nach. 39 Fragen stellt Richter Manfred Götzl am Dienstag an die Angeklagte - und die will sie, wie schon davor, schriftlich beantworten. Die Fragen haben es in sich. Denn sie tasten sich heran an den inneren Kreis des NSU: Wer wusste was? Vor allem die Familie E. aus Zwickau gerät ins Blickfeld des Gerichts.

Der Angeklagte André E. sitzt seit Beginn des Prozesses teilnahmslos auf der Anklagebank, nur auf seinen Händen blühen immer neue furchteinflößende Tattoos. André E. wird die Unterstützung einer terroristischen Vereinigung vorgeworfen, doch sehr viele Indizien hat die Anklage in seinem Fall nicht zusammentragen können. Seine Frau Susann E., eine enge Freundin von Beate Zschäpe, ist erst gar nicht angeklagt. Das könnte sich ändern. Denn Richter Götzl fragt nun bei Beate Zschäpe ausdrücklich nach ihrer Freundin und deren Ehemann.

"Welche Kenntnis hatte André E. von Ihren Lebensumständen und denen von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos?", fragt Götzl. "Hatte André E. Kenntnis von den Raubüberfällen und Tötungsdelikten?" Wenn Beate Zschäpe diese Fragen beantwortet, könnte sie ihren Freund André E. in erhebliche Schwierigkeiten bringen. Zschäpe hatte schon erklärt, dass sie nach dem von ihr gelegten Brand in der Frühlingsstraße in Zwickau zu ihrem Freund André E. gefahren war und ihn um Kleidung seiner Frau gebeten hatte, weil ihre eigenen Sachen nach Benzin stanken.

Mutmaßlicher Terroristenhelfer Wohlleben scheitert mit Befangenheitsantrag im NSU-Prozess

Es gebe keine Hinweise, dass Richter Götzl die Rechte der Verteidigung beschneide. Der NSU-Prozess kann damit weitergehen.

Nun aber will der Richter wissen, ob das aus reiner Freundesliebe geschah oder um eine Straftat zu verdecken. Er fragt also: "Haben Sie André E. von den Ereignissen am 4. 11. 2011 berichtet und gegebenenfalls was?" An diesem Tag hatten sich Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos nach einem Banküberfall in Eisenach gegenseitig erschossen und Zschäpe hatte ihren gemeinsamen Unterschlupf in Brand gesetzt. Götzl will auch wissen, was Susann E. wusste - jene Frau, die ständig in Zschäpes Wohnung ein und aus ging und die sie als Freundin bezeichnet.

Wie haben sich die drei das weitere Leben vorgestellt?

Der Richter will in die Gedankenwelt von Zschäpe und ihren beiden Männern eindringen. Es geht darum, wie sich die drei das weitere Leben vorgestellt haben. "Wurde zwischen Ihnen, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos besprochen, wie es mit Ihnen, Frau Zschäpe, weitergehen sollte, falls Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos Suizid begehen würden oder erschossen werden sollten?"

Denn das hatte Zschäpe erklärt: dass sich ihre Männer lieber erschießen wollten, als sich der Polizei zu stellen.

Zschäpes neuer Verteidiger Mathias Grasel hatte am Wochenende einen Befangenheitsantrag gegen Richter Götzl gestellt. Es ging, wie schon mehrmals, um die Ablösung der drei bisherigen Pflichtverteidiger von Zschäpe. Grasel erklärte, Götzl entscheide "nahezu willkürlich", dass zwischen Beate Zschäpe und ihren alten Anwälten ein Vertrauensverhältnis bestehe, obwohl die Fakten dagegen sprächen. Zschäpes Wahlverteidiger Herrmann Borchert warf dem Richter vor, er könne nicht wissen, "wie es im Kopf oder im Herzen einer Angeklagten ausschaut". Er betreibe "juristische Formulierungsakrobatik", nur um den Prozess zu sichern.

Das Gericht sagte den Verhandlungstermin am Mittwoch ab. Am Donnerstag soll der Prozess fortgesetzt werden. Als Zeuge ist dann einer der früheren Anführer der Thüringer Neonazi-Szene geladen, Mario Brehme.