NSU-Prozess Körper, Seele und Pralinen

"Ich habe viele Fragen nicht gestellt": Psychiater Joachim Bauer (links), hier im Gespräch mit Zschäpes Anwalt Mathias Grasel.

(Foto: Peter Kneffel/dpa)

Psychiater Joachim Bauer, der 16 Stunden lang mit Beate Zschäpe geredet hat, arbeitet mit ungewöhnlichen Methoden und hält die Angeklagte für unschuldig. Das missfällt vielen im Gericht.

Von Annette Ramelsberger und Wiebke Ramm

Er hatte ihr Pralinen mitgebracht. Schwarze Pralinen, in einer grün-braun gemusterten Geschenkverpackung. Eine nette Geste, wenn man zu einem Kaffeekränzchen geht. Der Besucher aber ging nicht zu einem Kaffeeklatsch, sondern in die Haftanstalt, zur bekanntesten Gefangenen Deutschlands, Beate Zschäpe. Und die Justizvollzugsbeamtin in der JVA bestand darauf, dass der Besucher die Pralinen nicht mitnimmt zu Zschäpe - auch wenn er Psychiatrieprofessor ist.

Joachim Bauer ist dreifacher Facharzt, langjähriger Uniprofessor aus Freiburg, Autor von Bestsellerbüchern. Aber die Umstände einer psychiatrischen Begutachtung von Angeklagten vor Gericht sind ihm doch sichtlich fremd. Nicht nur, dass Pralinen für Gefangene verboten sind. Auch dass ein Gutachter, der über die Schuldfähigkeit und Gefährlichkeit einer Angeklagten spricht, möglichst große professionelle Distanz halten soll. Bauer aber geht im Gericht zu Zschäpe, die ihn sehr freundlich anlächelt, er begrüßt sie mit Handschlag. Auch während des Prozesses ist dann alles anders als bei dem psychiatrischen Gutachter Henning Saß, der schon im Januar sein Gutachten über Zschäpe vorgelegt hatte: sehr sachlich, ziemlich präzise und sehr unterkühlt. Saß hatte dem Gericht erklärt, er halte Zschäpe für voll schuldfähig und immer noch gefährlich. Sein Problem: Zschäpe hatte sich geweigert, mit ihm zu reden. Er musste aus ihrem Verhalten vor Gericht und den Zeugenaussagen schließen, wie es in ihr aussieht.

Sie sagt ihm, dass sie die Morde nicht gewollt habe. Bauer hält Zschäpe daher für unschuldig

Mit Bauer aber hat Zschäpe geredet, mehr als 16 Stunden lang. Und der sieht sie völlig anders als der "geschätzte Kollege Saß". Für Bauer ist Zschäpe das geschlagene Mädchen, das von seinen Freunden Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt quasi in Geiselhaft gehalten wurde. Das so abhängig war von seinem Geliebten Böhnhardt, dass es "dieser Beziehung alles geopfert hätte". So hat sie ihm das gesagt. Psychiater Bauer glaubt Zschäpe. Denn, so sagt Bauer, sie habe nicht versucht, ihn zu manipulieren, sie habe ihn nicht anflirten oder bezirzen wollen und sei mit den Angaben, dass sie von ihrem Freund Böhnhardt geschlagen wurde, erst auf intensive Nachfrage herausgerückt. Für Bauer hat Zschäpe eine dependente Persönlichkeitsstörung und ist nur eingeschränkt schuldfähig.

Bauer sagt vor Gericht von sich: "Ich bin kein spezialisierter forensischer Psychiater. Ich bin ein, wie ich mir einbilde, sehr, sehr guter und breit ausgebildeter Psychiater und Psychosomatiker. Mich haben Körper-Seele-Aktionen immer sehr interessiert." Doch vor Gericht interessiert dann doch weniger die Körper-Seele-Aktion, sondern der konkrete Schuldvorwurf gegen Zschäpe. Den hat die Anklage so formuliert: dass sie die bürgerliche Tarnung geboten hat für die Morde ihrer Freunde. Dass sie also Teil des Mordtrios war.

Doch Bauer sagt immer wieder, Zschäpe habe ihm versichert, dass sie die Morde nicht gewollt habe, und deswegen halte er sie auch nicht schuldig an den Morden. Eine solche Schlussfolgerung ist juristisch einigermaßen kühn. Irgendwann sagt Oberstaatsanwältin Anette Greger, die die Ermittlungen zu Zschäpe geleitet hat: "Wir haben hier ein langes Zusammenleben im Untergrund. Haben Sie nachgefragt, welche Aktivitäten Frau Zschäpe für die Gruppe entwickelt hat?" - "Nein", antwortet Bauer, "ich habe viele Fragen nicht gestellt, die man sinnvollerweise hätte stellen sollen oder müssen." Er habe sich wegen der kurzen Zeit nur auf wenige Punkte beschränkt. Genau diese Aktivitäten Zschäpes für die Gruppe wären aber interessant. Greger fragt auch nach, wie es zu einer dependenten Persönlichkeitsstörung passe, dass zwar Mundlos und Böhnhardt nach Südafrika gehen wollten, den Plan aber aufgaben, weil Zschäpe nicht wollte. "Sie wäre sicher mitgegangen", sagt Bauer. "Das ist Ihre Interpretation", antwortet Greger, "haben Sie bei Frau Zschäpe nachgefragt?" Nein, sagt Bauer. Irgendwann bricht es aus Greger heraus: "Ich fürchte, so läuft eine Gutachtenserstattung in der Hauptverhandlung nicht ab."

Die Nebenklagevertreter arbeiten dann heraus, dass Bauer nicht vertieft nach dem Briefkontakt von Zschäpe mit einem verurteilten rechtsradikalen Gewalttäter gefragt hat. Dass er nur ihre Reaktion auf drei von zehn Morden abgefragt hat. Dass er erst nach seinem Gutachten vor Gericht noch Vernehmungen von Zeugen anforderte, die ausführlich über Zschäpe berichtet hatten. Dass er die Mindestanforderungen für Schuldfähigkeits- und Prognosegutachten nicht wirklich kennt. Und dann fragt Nebenklagevertreter Sebastian Scharmer auch noch, ob das mit den Pralinen für Zschäpe zutreffe. Ja, sagt Bauer, aber das habe nichts zu bedeuten: "Das war eine völlig unschuldige Geste der Humanität." Es sei sehr unschön, dass die Haftanstalt so tue, als habe er die Pralinen in seiner Aktentasche verstecken wollen.

Ein ungewöhnlicher Tag im NSU-Prozess. Dennoch könnte das Gericht gar nicht so unglücklich über Bauer sein. Es kann den Gutachter Saß nun beauftragen, Zschäpes Aussagen gegenüber Bauer einfach noch in sein Gutachten einzuarbeiten. Dann wäre auch der Mangel, dass Saß nicht mit ihr reden konnte, geheilt.