NSU-Prozess in München Wohlleben-Verteidiger fordern sofortige Freilassung

Tagelang hat Carsten S. ausgesagt - und seinen Mitangeklagten Ralf Wohlleben schwer belastet. Doch Wohllebens Verteidiger verlangen nun, dass ihr Mandant freigelassen wird. Das Rätsel um eine neue mysteriöse Spur zu einem Blumenhändler nach Nürnberg konnte inzwischen gelöst werde.

Aus dem Gericht berichtet Tanjev Schultz

Tagelang hatte sich der Angeklagte Carsten S. im NSU-Prozess den Fragen des Gerichts und der Nebenkläger gestellt, am Donnerstag endete seine Vernehmung. Die Verteidiger des mutmaßlichen NSU-Helfers Ralf Wohlleben, den Carsten S. schwer belastet hatte, verlangten anschließend die Freilassung ihres Mandanten aus der Untersuchungshaft.

Sie argumentierten, die Aussagen dürften nicht verwertet werden, weil Carsten S. sich geweigert hatte, sich von Wohllebens Verteidigern befragen zu lassen, solange dieser selbst zu den Anklagevorwürfen schweige. Wohllebens Anwälte beriefen sich auf die Europäische Menschenrechtskonvention, Vertreter der Nebenklage widersprachen umgehend.

Die Protagonisten im NSU-Prozess

mehr...

Carsten S. hatte ausgesagt, dass er von Wohlleben angeleitet worden war, den Kontakt zum untergetauchten Trio zu halten und diesem eine Waffe zu beschaffen. Wohllebens Anwältin Nicole Schneiders sagte, Carsten S. spiele seine eigene Rolle herunter. Sie bezweifelte zudem, dass er die Waffe bei den Ermittlungen korrekt identifizieren konnte. Nach Überzeugung der Ermittler hatte Carsten S. dem NSU die Pistole besorgt, mit der neun Menschen ermordet wurden.

Zuvor war es um eine mysteriöse Spur nach Franken gegangen. Auf einer Festplatte des Angeklagten Carsten S. hatten die Ermittler einen Eintrag für eine Handynummer gefunden. Carsten S. führte die Nummer unter dem Eintrag "Tino B.", was wohl für Tino Brandt stand. Brandt war um die Jahrtausendwende eine Führungsfigur in der Neonazi-Szene Thüringens, aus der die NSU-Mitglieder kamen; zugleich war er V-Mann des Verfassungsschutzes.

Die Ermittler prüften die Rufnummer und siehe da: Nicht Brandt war darunter registriert, sondern ein Nürnberger Blumenhändler. Der soll die Nummer bereits seit August des Jahres 2000 haben. Seltsam daran: Ausgerechnet in Nürnberg beging der NSU im September 2000 seinen mutmaßlich ersten Mord - und zwar: an einem Blumenhändler, dem Türken Enver Şimşek.

Am Nachmittag löste sich das Rätsel: Die Bundesanwaltschaft teilte mit, dass der unbescholtene Blumenhändler die Telefonnummer tatsächlich erst im Jahre 2008 vom Telekommunikationsanbieter zugewiesen bekam. Es hatte einen Fehler bei der Übermittlung gegeben. Dies habe man jetzt aufklären können. Die Rufnummer gehörte Tino Brandt tatsächlich bis 2006.