NSU-Prozess in München Angeklagter fordert "Waffengleichheit"

"Dass nicht nur ich mich nackig mache, sondern er auch": Carsten S. hat im NSU-Prozess umfassend ausgesagt - nur Fragen des Mitangeklagten Wohlleben will er erst dann beantworten, wenn auch der sein Schweigen bricht. Wohllebens Verteidiger sprechen von Erpressung.

Aus dem Gericht berichtet Tanjev Schultz

Polizei und Verfassungsschutz haben es zehn Jahre lang versäumt, den mutmaßlichen NSU-Helfer Carsten S. zu den untergetauchten Neonazis zu befragen. Ob er nach seinem Ausstieg aus der rechten Szene jemals von Ermittlern aufgesucht und zu den drei flüchtigen Neonazis befragt worden sei? "Nie", antwortet Carsten S. am Donnerstag im Gericht auf die Frage eines Nebenklage-Vertreters. Erst im November 2011, als der NSU aufgeflogen war, erinnerte man sich wieder an ihn.

Das Versäumnis der Behörden ist deshalb so groß, weil dem Verfassungsschutz in Thüringen bereits 1999, nachdem die drei NSU-Mitglieder untergetaucht waren, mehrere Hinweise zur Rolle von Carsten S. und dessen Hilfe für die Flüchtigen vorlagen. Er wurde damals zeitweise observiert. Nach seinem Ausstieg aus der rechten Szene Ende 2000 hätte die Möglichkeit bestanden, etwas von ihm zu erfahren. Stattdessen führte er unbehelligt ein vermeintlich neues Leben. Nun ist er angeklagt wegen Beihilfe zu neun Morden.

Der Angeklagte hat anstrengende Tage hinter sich, nun wirkt er etwas gelöster und sicherer. Sein Geständnis zur Übergabe einer Waffe an die NSU-Terroristen, seine Hinweise auf einen möglichen weiteren Anschlag des NSU in Nürnberg ist abgeschlossen. Jetzt stellen ihm die Anwälte der anderen Prozessbeteiligten bohrende Fragen.

Den Anfang sollen eigentlich die Anwälte des mutmaßlichen NSU-Helfers Ralf Wohlleben machen, den Carsten S. schwer belastet hatte. Doch das lässt Carsten S. nicht zu. Er habe hier in dem Prozess den Begriff "Waffengleichheit" gehört - und die sieht er bei Wohlleben nicht gegeben. Ihm gehe es darum, sagt Carsten S., "dass nicht nur ich mich nackig mache, sondern er auch".

"Wir lassen uns nicht erpressen"

Der frühere NPD-Funktionär Ralf Wohlleben will zu den Anklagevorwürfen gegen ihn selbst schweigen. Carsten S. hat ausgesagt, den Auftrag zum Besorgen der Waffe habe er von Wohlleben bekommen. Nur unter der Bedingung, dass auch Wohlleben auspacke, würde sich sein Mandant von Wohllebens Anwälten befragen lassen, erklärt Carsten S. Verteidigung. Da platzt es aus Wohllebens Anwalt Olaf Klemke heraus: "Ich fasse es nicht. Wir lassen uns nicht erpressen."

Und so kommen nun die Vertreter der Nebenkläger an die Reihe. Sie fragen nach vielen Details, wollen aber auch wissen, ob Carsten S. jetzt alles Wesentliche erzählt hat. Er habe ja auch das Wort "nackig" verwendet. "Ist es komplett nackig gewesen?", fragt eine Nebenklage-Vertreterin. Carsten S. antwortet: "Ja, komplett nackig. Ohne Rücksicht auf Verluste, auch was meine Zukunft angeht."

Carsten S. wird noch einmal zu seiner Rolle in der Neonazi-Szene Ende der Neunziger befragt. Er stellt sich, obwohl er damals bei der NPD-Jugendorganisation Führungsaufgaben übernahm, als jemanden dar, der allenfalls mal das NPD-Programm gelesen habe, sonst aber kaum Propaganda-Schriften. Er sei damals in einer Art Uniform herumgelaufen, seine "Boots" hatten Stahlkappen, ein Bajonett habe er auch gehabt, eine Schreckschusspistole und einen französischen Armee-Schlafsack.

Bundesanwaltschaft prüft Hinweise auf Nürnberger Attentat

Bislang haben in dem Verfahren um die Mordserie des rechtsextremen NSU nur Carsten S. sowie der als NSU-Helfer mitangeklagte Holger G. ausgesagt. Holger G. verlas aber nur eine schriftliche Erklärung, in der er beteuerte, nichts von den Morden gewusst zu haben. Fragen ließ er nicht zu. Die Hauptangeklagte Beate Zschäpe, Wohlleben und der mitangeklagte André E. verweigerten bisher jede Aussage.

Die Protagonisten im NSU-Prozess

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Carsten S. hatte am Dienstag auch auf ein weiteres mögliches Attentat des NSU hingewiesen. Bei der Übergabe der Waffe hätten Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt angedeutet, dass sie Gewalttaten planten. Sie hätten ihm gesagt, dass sie "eine Taschenlampe in einen Laden in Nürnberg gestellt" hätten.

Nun prüft die Bundesanwaltschaft ein Rohrbombenattentat in Nürnberg im Jahr 1999 erneut. Dort hatte ein Putzmann einen Sprengsatz in der Toilette für eine Taschenlampe gehalten - sie explodierte. Der damalige Pächter des Lokals war ein Türke.