NSU-Prozess Eine Sicht der Dinge

Anette Greger hält das Plädoyer gegen Zschäpe.

(Foto: Johannes Simon/Getty Images)

Am dritten Tag der Mammutplädoyers wird es hitzig. Die Anklage sagt: Hintermänner gab es keine - das sehen die Nebenkläger allerdings ganz anders.

Von Annette Ramelsberger

- Seit drei Tagen spricht die Bundesanwaltschaft bereits, doch schon jetzt ist klar: Sie wird vor der Sommerpause des NSU-Prozesses nicht mehr fertig werden mit ihrem Plädoyer. Wie alles in diesem Mammutprozess vor dem Oberlandesgericht München dauert auch das Plädoyer viel länger als geplant. Von den 22 Stunden, die die Vertreter der Anklage für ihre Schlussvorträge überschlagen haben, waren am Donnerstag erst 13 gesprochen. Und das Gericht will offenbar nicht bis in den Abend tagen, denn es bestünde das Risiko, dass die Angeklagten verhandlungsunfähig werden. Dann würde der Prozess noch länger dauern.

Deswegen wird das Mammutplädoyer erst am 1. September zu Ende gehen - nach der Sommerpause. Bis dahin ist noch einige Aufregung zu erwarten. Schon am Donnerstag schlugen die Emotionen hoch. Oberstaatsanwältin Anette Greger sagte, die Existenz von rechten Hintermännern an den Tatorten des NSU habe sich nicht bewahrheitet. Das sehen die Vertreter vieler Nebenkläger völlig anders. Sie erregen sich darüber, dass Greger formuliert hatte, die Anwälte hätten die Enttarnung solcher Hintermänner "ihren Mandanten versprochen". Der Berliner Anwalt Sebastian Scharmer, der zu den aktivsten im Prozess gehört, nannte Gregers Worte eine "Frechheit". Die Bundesanwaltschaft ignoriere, dass in den letzten über 360 Hauptverhandlungstagen zahlreiche Beweismittel gefunden wurden, die Unterstützer der Gruppe an den Tatorten nahelegen. Auch alle Untersuchungsausschüsse zum NSU gingen davon aus, dass Mundlos und Böhnhardt Unterstützung bekamen.

Scharmer hat die etwa 50 Anwälte, die ständig im Prozess sind, für ein gemeinsames Konzept für ihre Plädoyers gewonnen - denn noch nie hat es in einem Verfahren so viele Nebenkläger gegeben, mehr als 80. Die Anwälte haben abgesprochen, dass sich jeder nur auf bestimmte Schwerpunkte beziehen soll - vor allem auf die Taten, von denen ihre eigenen Mandanten betroffen sind. Doch selbst mit dieser Selbstbeschränkung kommen nach der Berechnung Scharmers 57 Stunden zusammen. Die Nebenkläger planen sehr unterschiedliche Plädoyers: Der Berliner Anwalt Mehmet Daimagüler will fünf Stunden reden, der Vertreter des schwer verletzten Polizisten, der beim Anschlag auf seine Kollegin Michèle Kiesewetter in Heilbronn fast gestorben wäre, nur 30 Minuten. Allein die Nebenklage-Plädoyers könnten so bis Ende Oktober dauern. Und erst dann sind die Verteidiger dran. Es ist deswegen schon jetzt fraglich, ob der NSU-Prozess noch dieses Jahr zu Ende gehen wird.

Unterdessen entfaltet Anklägerin Greger im Gerichtssaal noch einmal das Bild der NSU-Mordserie. Aus Hunderten Zeugenaussagen und Sachverständigenberichten setzt sie zusammen, wie die Morde abliefen. Tat für Tat geht sie durch, sie beschreibt die Menschen, die die Kugeln trafen, nennt ihr Alter, ihren Beruf, wann sie nach Deutschland gekommen sind, sie sagt auch, wen diese Menschen hinterließen: kleine Mädchen, halbwüchsige Söhne, junge Witwen.

Und dann beschreibt sie die Taten: Wie die NSU-Mörder in die Läden ihrer Opfer traten, unmaskiert, oft mit einer Plastiktüte in der Hand, in der sie die Waffe verbargen. Immer zu den normalen Öffnungszeiten. Die Opfer spürten keine Gefahr, sie wandten sich den Mördern freundlich zu. Viele duckten sich noch hinter der Ladentheke, als der erste Schuss sie traf. Die Täter aber schossen auf die am Boden liegenden Menschen aus nächster Nähe. In die Brust, von hinten in den Kopf. Es waren Hinrichtungen. Greger sagt, der NSU habe gewollt, dass in Deutschland keine Menschen südländischer Herkunft leben. "Vor allem Türken galten ihnen als minderwertig, sie bezeichneten sie abfällig als Ali. Sie waren zu eliminieren."