NSU-Prozess Beate Zschäpe war "kein Mauerblümchen"

Beate Zschäpe betritt den Gerichtssaal.

Die Mutter bleibt nur drei Minuten, dem Cousin muss der Richter jede Aussage mühsam abringen. Trotzdem entsteht aus den Zeugenaussagen allmählich ein immer klareres Bild von Beate Zschäpe - eines, das der Verteidigung nicht gefallen dürfte.

Aus dem Gericht von Annette Ramelsberger und Tanjev Schultz

A. Zschäpe betritt den Gerichtssaal, der Weg zum Zeugenstuhl bringt es mit sich, dass sie direkt in Richtung ihrer Tochter läuft. Beate Zschäpe hat ihren Laptop zusammengeklappt. Sie schaut nur kurz und etwas verstohlen zu ihrer Mutter. Eine Begrüßung ist nicht zu erkennen.

Dann schaut Beate Zschäpe weg, manchmal blickt sie zu den Richtern, während A. Zschäpe mit zarter Stimme bejaht, dass sie die Mutter der Angeklagten ist. An ihrer Seite sitzt ein Anwalt. Die 61-Jährige trägt eine Brille und nicht allzu langes Haar. Viel sagt sie nicht - lediglich, dass sie in Jena wohne, Ingenieur-Ökonomin sei und als Buchhalterin gearbeitet habe. Jetzt kümmere sie sich um ihre Mutter, Beate Zschäpes Oma.

Der Vorsitzende Richter Manfred Götzl belehrt die Zeugin, dass sie als Mutter keine Angaben vor Gericht zu machen brauche. "Wollen Sie Angaben machen?" - "Nein." Ob sie denn einverstanden sei, dass ihre polizeiliche Vernehmung verwertet werde. "Nein." Und so ist der Auftritt von Beate Zschäpes Mutter schon nach drei Minuten beendet. Sie nimmt ihre Handtasche und verlässt den Saal.

Vor ihrer Mutter hat Zschäpe am Mittwoch auch ihren Cousin wiedergesehen: Stefan A., der auf Mallorca als Handwerker arbeitet. Als Kinder waren sie oft zusammen, spielten im Garten der Familie in Jena. Zschäpe schaut aber nicht mal auf, als der schlaksige Mann auf dem Zeugenstuhl Platz nimmt.

Der 39-Jährige ist ziemlich einsilbig, redet nuschelig. Richter Götzl muss ihm die Aussagen regelrecht abringen. Als er jung war, sagt Zschäpes Cousin, habe er "ein Lotterleben geführt, ich hab gesoffen". Politische Aktionen waren seine Sache wohl nicht, dennoch hing er in der Skinhead-Szene herum und kannte auch Zschäpes Freunde Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. "Mehr oder weniger" hätte seine Cousine die Uwes sogar über ihn kennengelernt, sagt Stefan A.

Mundlos sei dann aber mit seiner Lebenseinstellung nicht einverstanden gewesen, er habe ihn einen "Asi" genannt, sagt A. Das sei ein oder zwei Jahre vor dem Untertauchen des Trios im Jahr 1998 gewesen. Das Leben von Stefan A. muss, wie er selbst sagt, "unkontrolliert" abgelaufen sein: Trinken, Partys, keine Arbeit. Früher war er im Kinderheim, nach der Wende versuchte er dann, eigene Wege zu gehen. Er war damals "auf jeden Fall" rechtsgerichtet, sagt er; trug Bomberjacke, Stiefel und kurze Haare. "Party, Spaß, ab und zu eine Prügelei - das war unsere ganze Lebensweisheit."

Richter Manfred Götzl fordert den Zeugen auf, mehr darüber zu erzählen, wie denn die politischen Vorstellungen gewesen seien. Stefan A. sagt nur: "Gegen Staat, gegen Linke, gegen Ausländer - gegen alles." Stefan A. kann sich nicht besonders gut ausdrücken, und die fehlende Bereitschaft, allzu viel preiszugeben, kommt wohl zusätzlich dazu. So gestaltet sich die Zeugenbefragung im NSU-Prozess wieder mal sehr zäh.

Mundlos und Böhnhardt hätten sich politisch "nach oben gesteigert", sagt Stefan A.; sie seien zu Demonstrationen und Kameradschaftstreffen gefahren. Für so was hat sich Stefan A. weniger interessiert. Von Böhnhardt und Mundlos habe dagegen jeder gewusst, "dass die sich reinsteigern". Die Uwes hätten auch keinen Alkohol mehr getrunken. Sie hätten sich gut mit seiner Cousine verstanden und immer mehr "abgekapselt", sagt Stefan A.

Mit den dumpfen Skinheads, die vor allem an Partys interessiert waren, wollte das Trio offenbar nicht mehr viel zu tun haben. Die NSU-Terroristen, so sieht es die Anklage, verstanden sich als Avantgarde - als Elite der Neonazis.

Stefan A. erinnert sich noch daran, dass Uwe Mundlos rechte Hetzgedichte geschrieben und mal einer Ausländerin - er sagt: "Zigeunerin" - in der Stadt ein Stück Kuchen an den Kopf geworfen habe. Mundlos habe zudem die Sozialarbeiter im Jugendclub als "linke und rote Schweine" betitelt. Uwe Böhnhardt habe einen Waffen-Spleen gehabt und eine Armbrust besessen.

Und Beate Zschäpe?

Richter Götzl: "Beschreiben Sie doch mal Ihre Cousine!"

Stefan A.: "Sie war halt ein lustiger Mensch immer."

Götzl: "Und sonst?"

Stefan A.: "Zu mir war sie immer lieb, nett, sympathisch."

Sie habe sich nicht so leicht über den Mund fahren lassen, sie habe sich "von niemandem etwas aufdrängen lassen" und sei "kein Mauerblümchen" gewesen. Wenn jemand zu ihr frech geworden sei, habe sie sich das nicht gefallen lassen. Die Jungs, mit denen sie zusammen war, habe sie im Griff gehabt. Diese Aussagen des Cousins kommen den Anklägern entgegen, weil sie den Eindruck erhärten, dass Beate Zschäpe selbstbewusst genug war, um mehr zu sein als nur eine Mitläuferin.