NS-Widerstandskämpfer der Weißen Rose Russisch-orthodoxe Kirche spricht Alexander Schmorell heilig

Fast 69 Jahre nach seiner Hinrichtung ehrt die Russisch-orthodoxe Kirche in Deutschland Alexander Schmorell auf besondere Weise: Sie will den Widerstandskämpfer Alexander Schmorell zum Märtyrer erklären.

Für seinen Widerstand gegen die Nationalsozialisten wird das Gründungsmitglied der "Weißen Rose", Alexander Schmorell, am Wochenende von der russisch-orthodoxen Kirche in Deutschland heiliggesprochen. Schmorell habe sich zum orthodoxen Glauben bekannt und sich dem "gottfeindlichen, antichristlichen Naziregime" entgegengestellt, heißt es in einer Erklärung der Kirche.

Alexander Schmorell auf einem Foto in der Wohnung seiner engen Freundin Lilo Fürst-Ramdohr.

(Foto: STA)

Auftakt der Feiern zur Verherrlichung des Neumärtyrers in München ist am Samstag ein Totengedenken auf dem Friedhof am Perlacher Forst, wo der gebürtige Russe nach seiner Hinrichtung 1943 begraben wurde. Anschließend soll seine Ikone in der Kathedrale der Heiligen Neumärtyrer und Bekenner Russlands verehrt werden. Am Sonntag zelebriert der russisch-orthodoxe Erzbischof von Berlin und Deutschland, Mark, ein Pontifikalamt.

Zu den Feierlichkeiten werden neben Angehörigen Schmorells auch hochrangige Kirchenvertreter aus dem Ausland erwartet - darunter der Oberhirte (Metropolit) Valentin aus seiner russischen Geburtsstadt Orenburg und Erzbischof Kirill von San Francisco und Westamerika. Auch im sonstigen Europa, in Russland und in den USA könnte der russisch-orthodox getaufte Schmorell bald heiliggesprochen werden, sagt Erzpriester Nikolai Artemoff von der Kathedrale der Heiligen Neumärtyrer und Bekenner Russlands in München.

Die russischen Christen in der bayerischen Landeshauptstadt halten Schmorells Andenken schon lange in Ehren. In dessen 50. Todesjahr 1993 geschehen kurz hintereinander Dinge, die Erzpriester Nikolai Artemoff heute als göttliche Fügung ansieht: Ein Halbbruder Schmorells übergibt der Gemeinde unbekannte Dokumente und Briefe; in einem Moskauer Geheimarchiv tauchen Schmorells verschollene Prozessakten auf; nach mehreren erfolglosen Versuchen findet sich in München endlich ein Grundstück zum Bau einer eigenen Kirche - nur wenige hundert Meter entfernt von Schmorells Grab und der Stätte seines Todes.

Schmorell spielte eine Schlüsselrolle bei den Aktionen der Gruppe "Weiße Rose" gegen die Nationalsozialisten. Im Sommer 1942 begannen er und Hans Scholl, die Bevölkerung in vier Flugblättern zum passiven Widerstand gegen das NS-Regime aufzurufen. 1943 flogen die couragierten Widerständler auf und wurden hingerichtet.

25 Jahre war Alexander Schmorell alt, als er und Professor Kurt Huber am 13. Juli 1943 im Gefängnis Stadelheim enthauptet wurden, knapp fünf Monate nach der Hinrichtung von Probst und den Geschwistern Scholl. Schmorell ging seinem Tod gefasst entgegen, lassen seine letzten Briefe vermuten. "Für Euch ist dieser Schlag leider schwerer als für mich, denn ich gehe in dem Bewusstsein, meiner tiefen Überzeugung und der Wahrheit gedient zu haben. Dies alles lässt mich mit ruhigem Gewissen der nahen Todesstunde entgegensehen", schrieb er an seinem Todestag an seinen Vater und seine Stiefmutter. Sein letzter Wunsch: "Eins vor allem lege ich Euch ans Herz: Vergeßt Gott nicht!!!"

Als "Aufstand des Gewissens" beschreibt die Vorsitzende der Weiße Rose Stiftung in München, Hildegard Kronawitter, die gefährlichen Aktionen der jungen Widerstandskämpfer, bei denen sie Flugblätter schrieben und verteilten, aber auch Parolen an Häuserwände pinselten.

Fasziniert vom Mut der Weißen Rose

Ein Gewissen, das bei Schmorell stark durch seine religiöse Erziehung und die Erfahrungen in der Kirche geprägt worden war. Geboren im russischen Orenburg wuchs er von 1921 an in München auf. Eine wichtige Rolle spielte dabei sein Kindermädchen, das der früh verwitwete Vater und seine neue Ehefrau mit nach Deutschland genommen hatten. Sie sang russische Lieder mit ihm, erzählte ihm Märchen und nahm ihn in die Kirche der orthodoxen Gemeinde mit, für ihn ein wichtiger Ort. "Ich denke, die Kirche war ein Stück Heimat für ihn, so wie auch die russische Sprache", vermutet Schmorells Nichte Alexa Busch, die heute in Salem in Baden-Württemberg lebt.

Sie kennt ihn nur aus Erzählungen ihrer Mutter und Großmutter, als freiheitsliebenden und sehr naturverbundenen Menschen, der offen seine Meinung vertrat. "Der Glaube war sicher auch ein Punkt, warum er so frei war, so ungebunden und unabhängig", sagt die 55-Jährige, deren Mutter Natascha Lange die Halbschwester Schmorells war.

Seine religiöse Einstellung brachte der Medizinstudent auch in den Flugblättern zum Ausdruck, deren Mitverfasser er war. "Hat Dir nicht Gott selbst die Kraft und den Mut gegeben zu kämpfen? Wir müssen das Böse dort angreifen, wo es am mächtigsten ist, und es ist am mächtigsten in der Macht Hitlers", heißt es etwa im vierten Flugblatt, das im Sommer 1942 die Runde machte.

Erzpriester Artemoff fasziniert schon lange, mit wie viel Mut sich Schmorell und die anderen Mitglieder der "Weißen Rose" gegen die Nazis auflehnten. Seit 1993 betrieb er mit dem russisch-orthodoxen Erzbischof von Berlin und Deutschland, Mark, die Verherrlichung Schmorells als Neumärtyrer. Umso größer ist die Freude, als das Bischofskonzil der gesamten russischen Auslandskirche dem Antrag endlich zustimmte. "Das ist ein großer Moment für uns", sagt Artemoff. "Für uns ist seine Haltung sehr wichtig, die sowohl den Bolschewismus ablehnte, als auch den Nationalsozialismus." Es sei vor allem auch Schmorells Aufmüpfigkeit, die er bewundere. "Wir können mit totalitären Systemen nicht konformgehen, in welche Schafspelze sie sich auch immer kleiden mögen. Da müssen wir sehr wachsam sein und das ist gar nicht so einfach."