NS-Verbrecher Franz Murer "Er brauchte Blut"

Franz Murer im Jahre 1947. Das Doppelbild wurde in der Untersuchungshaft der Sowjets gemacht.

(Foto: Litauisches Spezialarchiv)

SS-Offizier Murer wütete in Litauen so bestialisch, dass er den Beinamen "Schlächter von Wilna" bekam. Ein neues Buch dokumentiert, wie der Österreicher nach dem Krieg vor Gericht die Opfer verhöhnte - und freigesprochen wurde.

Rezension von Alexandra Föderl-Schmid

"Er brauchte Blut. Er musste Menschen morden. Das war ihm eine Art Bedürfnis. Ein Unmensch."

So beschrieb Mascha Rolnikaite drei Jahre vor ihrem Tod jenen Mann, den man den "Schlächter von Wilna" nannte: Franz Murer. Er misshandelte und ermordete Bewohner im Ghetto jener Stadt, das als "Jerusalem des Ostens" bekannt war. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs lebten etwa 75 000 Juden in der Stadt. Überlebt haben nur einige wenige.

Für ihr Schicksal war vor allem der Österreicher Murer verantwortlich, der von Juli 1941 an als Referent des Gebietskommissars für Judenfragen de facto der Leiter des Ghettos war und Entscheidungen über Leben und Tod traf - auch wenn er das später abstritt.

Er war Mitarbeiter von Alfred Rosenberg, dem Reichsminister für die besetzten Ostgebiete, der als Parole die "Ausmerzung des gesamten Judentums in Europa" ausgegeben hatte. Osteuropa sollte das Versuchsfeld sein und Murer einer derjenigen, die das umsetzten.

An manchen Tagen waren es Tausende Opfer

1941 wurden die Juden in zwei Ghettos getrieben. Gefürchtet waren vor allem die Kontrollen am Eingang, wenn Juden nach ihrem Arbeitseinsatz zurückkehrten.

"Die Frauen wurden gezwungen, sich vor den Augen der deutschen Offiziere und aller Anwesenden auszuziehen. Die Menschen mussten drei Minuten lang nackt stehen bleiben, einige Frauen bekamen von Murer den Befehl, etwas Gymnastik zu treiben. Jene, bei denen man versteckte Waren entdeckte, erhielten je 25 Stockhiebe",

beschreibt der Ghettobewohner Grigorij Schur eine der "Prügelaktionen".

Für viele endeten solche Bestrafungen mit dem Tod in den Wäldern von Ponary, zehn Kilometer von Wilna entfernt. Zu den schlimmsten Szenen gehören die im Buch zitierten Schilderungen des Journalisten Kazimierz Sakowicz, der die Erschießungen vom Dachboden seines Hauses beobachtet und beschreibt:

"Bei den Hinrichtungen ging man so vor, dass sich die Gruppe auf die Körper der vorher Getöteten stellen musste. Sie gingen und gingen (buchstäblich) über die Leichen! Die Gräber wurden gleich am nächsten Tag zugeschüttet."

Manchmal waren es Hunderte, an manchen Tagen gar Tausende Opfer, unter ihnen viele Frauen und Kinder.

Sakowicz schrieb seine Erlebnisse auf Zettel, steckte sie in Limonadenflaschen, die er dann im Garten vergrub. Er befürchtet, dass ihn die litauischen Kollaborateure der Nazis im Visier hatten. 1943 wurde er auf einem Waldweg von unbekannten Tätern erschossen. Seine Einträge wurden Jahre später entdeckt und sind eine wertvolle historische Quelle.

Der Buchautor Johannes Sachslehner ist Historiker und hat eine beeindruckende Fülle von Material zusammengetragen. Er schafft es aber nicht immer, den Spannungsbogen zu halten. Sachslehner versucht nicht nur, in chronologischer Reihenfolge das Geschehen zu rekonstruieren, sondern beschreibt auch Einzelschicksale.

Johannes Sachslehner: Rosen für den Mörder. Die zwei Leben des SS-Mannes Franz Murer. Molden-Verlag Wien 2017, 288 Seiten, 25,90 Euro. E-Book: 22,99 Euro.

(Foto: )

Wer meint, angesichts der Vielzahl an Augenzeugenberichten und aktenkundigen Belegen, Murer hätte in der Nachkriegszeit in Österreich für seine Taten verurteilt werden müssen, irrt. Nach dem Krieg führt er in der Steiermark auf seinem Bauernhof ein zurückgezogenes Leben.

Durch einen Zufall wird der als "Nazijäger" bekannt gewordene Simon Wiesenthal auf ihn aufmerksam. Die Briten nehmen ihn eher widerwillig fest und übergeben ihn an die Russen. Murer wird zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt, kommt aber 1955 nach Unterzeichnung des Staatsvertrags wieder frei. In seinem Heimatort Gaishorn spielt sogar die Musikkapelle auf, fast alle Ortsbewohner sind auf den Beinen, um den Heimkehrer zu begrüßen.

Rosen zum Freispruch

Die Staatsanwaltschaft in Graz sieht "mit Rücksicht auf die von russischen Gerichten verhängten Strafen" von einer Verfolgung "der bis dahin bekannten Morde des Franz Murer" ab.

In Österreich will man die Vergangenheit ruhen lassen, davon profitieren auch ehemalige NS-Verbrecher. Es ist wieder Simon Wiesenthal, der bis dahin Murer in der Sowjetunion gewähnt hatte, der eine neue Verfolgung anstrengt.

Es kommt 1963 zu einem Prozess, Murer werden in der Anklage 15 Morde vorgeworfen. 37 Zeugen sind geladen, die aus Österreich, Deutschland, den USA und Israel in die steirische Landeshauptstadt Graz reisen.

Diese Menschen, die im Ghetto so Schlimmes mit- und durchgemacht haben, werden im Gerichtssaal vorgeführt, verhöhnt und von Murers Verteidiger der Lüge bezichtigt. "Diesen Zeugen stand die Lüge ins Gesicht geschrieben", sagte er zum Abschluss des Prozesses.

Murer wird freigesprochen, er verlässt als umjubelter, mit Rosen beschenkter Held den Gerichtssaal. Das Verdienst des Autors ist es, diese beschämende Form des Umgangs mit der NS-Zeit im Nachkriegsösterreich noch einmal aufzuzeigen.

"Feiermassen wurden zu Hetzmeuten"

200 000 jubelten Hitler zu, als Österreich vor 80 Jahren Teil des Deutschen Reichs wurde. Der Historiker Gerhard Botz über "Reibpartien", Opfermythos und die Geschichtskommission der FPÖ. Interview von Oliver Das Gupta mehr...