NS-Verbrechen Priebke verstört noch im Tod

Der Fall des Naziverbrechers Erich Priebke vergiftet das Verhältnis zwischen Deutschen und Italienern - auch über seinen Tod hinaus. Kein Land will sich für den Leichnam zuständig fühlen, geschweige denn einen Ort für die Bestattung stellen. Dabei wäre genau das eine Geste, mit der Deutschland seiner moralischen Pflicht nachkäme.

Ein Kommentar von Stefan Ulrich

Als Polyneikes, der Sohn des Ödipus, Theben angriff, erwartete ihn ein doppelt schlimmes Schicksal. Erst wurde er beim Sturm auf die Stadt getötet. Dann verweigerte ihm Kreon, der König von Theben, eine Bestattung. Er ließ den Leichnam einfach vor den Toren liegen, damit Polyneikes nicht ins Reich der Toten einziehen konnte. Antigone aber, die Schwester des Polyneikes, hielt sich nicht an das königliche Verbot. Sie berief sich auf den Willen der Götter - und bedeckte den toten Bruder mit Staub.

Der Umgang mit den Leichen prominenter Feinde hat die Menschheit schon immer auf die Probe gestellt. Der Fall des Erich Priebke zeigt das gerade wieder. Allerdings war der nun im Alter von 100 Jahren verstorbene frühere SS-Hauptsturmführer nicht nur ein Feind aller freiheitsliebenden Italiener, sondern auch noch ein Verbrecher. Er beteiligte sich 1944 an der Erschießung von 335 italienischen Zivilisten, darunter viele Juden, in den Ardeatinischen Höhlen bei Rom. Für Deutsche ist dieser SS-Offizier eher eine Randfigur in der Verbrechensgeschichte des Dritten Reiches. Für Italiener symbolisiert Priebke dagegen die Schrecken des Zweiten Weltkrieges und die horrende Menschenfeindlichkeit der Nazis.

Verdient Erich Priebke Trauerfeier und Begräbnis? Er, ein Mann, der bis in sein Testament hinein in bösartiger Weise halsstarrig blieb, kein Bedauern über seine Tat zeigte und versuchte, den Holocaust zu leugnen? Gewiss, man kann seine Leiche nicht einfach vor die Tore Roms legen. Aber sollte man sie nicht verbrennen und die Asche in den Wind streuen?

Eine Leiche, die wie hoch verseuchter Sondermüll behandelt wird

Noch im Tod verstört Priebke die Italiener. Sie wollen ihn nicht in Rom bestattet sehen, wo seine Opfer ruhen. Eine Beerdigung außerhalb der Stadt scheiterte gerade an Tumulten. Argentinien, wo Priebke selbst sein Grab finden wollte, möchte den Toten nicht haben. Und sein Geburtsort Hennigsdorf verschanzt sich - sehr deutsch - hinter einer Friedhofssatzung, um den SS-Mann fernzuhalten. Das Auswärtige Amt in Berlin erklärt, "dass die Totenfürsorge den Behörden am Aufenthaltsort des Verstorbenen obliegt".

Die Leiche wird behandelt, als gehe es um hoch kontaminierten Sondermüll. Tatsächlich hat Priebke dazu beigetragen, das Verhältnis zwischen Italienern und Deutschen zu vergiften. Seine Tat wirkt bis heute weiter. Dennoch bleibt Priebke Mensch, und als solcher ist er auch nach seinem Tod zu behandeln. Hierfür muss man sich nicht auf die antiken Götter berufen, es genügt der Respekt vor der Menschenwürde. Sie kommt auch noch dem schlimmsten Verbrecher zu, und sie gebietet es, Priebke jetzt - still und bescheiden - zu bestatten. Seine Angehörigen und Freunde haben ein Recht darauf, seiner zu gedenken und, es wäre zu hoffen, um Vergebung für seine Verbrechen zu bitten.

Nur: Wer soll die Last auf sich nehmen, den toten Priebke aufzunehmen? Den Italienern ist das kaum zuzumuten. Ihre Landsleute waren seine Opfer. Wenn die jüdische Gemeinschaft von Rom nun verlangt, Priebke in seinem Geburtsort zu begraben, sollte sich Deutschland offen zeigen. Priebke hat als deutscher Offizier auf deutschen Befehl hin Italiener massakriert. Deutschland steht daher in der moralischen Pflicht, den toten Täter zurückzunehmen und dafür zu sorgen, dass sein Grab nicht für Nazi-Propaganda missbraucht wird.

Italien war verstört, als Berlin sich jüngst bis zum Internationalen Gerichtshof in Den Haag hinauf weigerte, italienische Soldaten zu entschädigen, die zur Zwangsarbeit nach Nazi-Deutschland verschleppt worden waren. Im Fall Priebke könnte die Bundesrepublik nun guten Willen demonstrieren. Sie sollte dabei helfen, dass sein Leichnam beerdigt wird und seine Taten nie vergessen werden.