NS-Kriegsverbrechen in Italien Warten auf Gerechtigkeit

Italienische Partisanen 1944 tragen einen Toten zu Grabe nach einem Massaker der Deutschen im Dorf Marzabotto in der Region Emilia-Romagna.

(Foto: DPA)

Vor 70 Jahren metzelten SS-Truppen in Sant'Anna di Stazzema Hunderte nieder. Das deutsche Verbrechen in der Toskana wurde niemals gesühnt. Jetzt hoffen die Überlebenden, dass es zu einem Prozess kommt.

Von Andrea Bachstein, Sant’Anna di Stazzema

Enrico Pieri hat es eilig, sich zu verabschieden. Er steigt wieder in das grüne motorisierte Dreirad, Ape genannt, mit dem er die enge Serpentinenstraße durch den Wald in sein Heimatdorf Sant'Anna hochgekurvt war. 80 Jahre ist er alt und ziemlich fit, ein freundlicher Mann mit einem breiten Lächeln.

Aber als er erzählt hat, was er als zehnjähriges Kind erlebte, kann er nicht mehr reden hier im Garten der Bar, dem Garten mit den großen Kastanien und dem Blick auf die Berghänge. Die Stimme bleibt weg und die Tränen kommen ihm. Wie auch nicht. Sehr, sehr fern und unwirklich ist in so einem Moment das Ferientreiben im nahen Forte dei Marmi unten am Meer.

Deutschland und Italien 1939-1945

Italien war 1940 an der Seite des Deutschen Reiches in den Zweiten Weltkrieg eingetreten. Die Beziehungen der beiden nationalistischen, imperialistischen und rassistischen "Führer", Benito Mussolini und Adolf Hitler, waren vielfältig, aber auch spannungsreich. So erwies sich der italienische Bündnispartner nur als geringe Entlastung für das NS-Regime. Sowohl Mussolinis Griechenlandfeldzug als auch die Kämpfe in Nordafrika konnten erst mit der Unterstützung der Wehrmacht zwischenzeitlich Erfolge verzeichnen.

Am 10. Juli 1943 landeten alliierte Truppen auf Sizilien, was letztlich zum Sturz Mussolinis führte. Als die neue Regierung in Rom im April 1944 mit den Alliierten über einen Waffenstillstand verhandelte, rückten Wehrmachtsverbände in Italien ein. Am 13. Oktober erklärte Marschall Badoglio dem Deutschen Reich den Krieg und die Westmächte erkannten Italien als Verbündeten an. Auf dem Rückzug beging die Wehrmacht zahlreiche Kriegsverbrechen. Am 29. April 1945 kapitulierten die deutschen Truppen. SZ

An diesem Dienstag wird es wieder schwer für Pieri werden, wenn er wieder nach Sant'Anna kommt. Dann wird in dem toskanischen Bergort derer gedacht, die vor 70 Jahren hingemetzelt worden sind von Männern der 16. SS-Panzergrenadier-Division "Reichsführer SS". Das schlimmste Massaker an Zivilisten in Italien, Frauen, Kinder, alte Leute vor allem, zwischen 400 und 560 Menschen.

Genau weiß man es nicht, weil vor dem 12. August 1944 um die tausend Flüchtlinge in Sant'Anna Schutz gesucht hatten vor den Bombenangriffen auf die Städte der Versilia-Küste und weil die Täter die Häuser ansteckten und Leichenberge in Brand setzten, angefeuert vom Holz der Kirchenbänke. Ein monströses Verbrechen, das nie gesühnt wurde, aber vielleicht jetzt, nach 70 Jahren, doch noch vor ein deutsches Gericht kommt, wie jüngst das Oberlandesgericht Karlsruhe entschied. Selbst wenn das eher symbolische Bedeutung hätte, weil nur noch der 93-jährige, ehemalige SS-Offizier Gerhard S. angeklagt werden könnte, der in einem Hamburger Altenheim lebt.

Für Enrico Pieri und viele andere wäre es aber sehr wichtig.

Als im März 2013 Italiens Präsident Giorgio Napolitano und Bundespräsident Joachim Gauck nach Sant'Anna kamen, hätten sie davon gesprochen, dass die Geschichte Gerechtigkeit schafft, erinnert sich Enrico Pieri, "aber das reicht uns nicht. Es ist wichtig, dass man in Deutschland von Sant'Anna spricht - das nützt ganz Europa."

"Es verletzt unser Empfinden für Gerechtigkeit tief"

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Gauck sprach damals deutliche Worte, sagte auch: "Es verletzt unser Empfinden für Gerechtigkeit tief, wenn Täter nicht bestraft werden können, weil die Instrumente des Rechtsstaats das nicht zulassen." Die Staatsanwaltschaft Stuttgart hatte ein halbes Jahr zuvor zur tiefen Enttäuschung und Empörung der Überlebenden und Opferangehörigen ein zehn Jahre dauerndes Ermittlungsverfahren eingestellt, weil sie die Beweislage für eine Mordanklage für nicht ausreichend hielt. Diese Einschätzung hat das Oberlandesgericht Karlsruhe nun revidiert.

Dass Enrico Pieri als einziger seiner Familie überlebt hat, verdankt er Grazia, dem Nachbarmädchen, das ihn in einen Winkel unter der Treppe zog, wo sie warteten, bis die Mörder genug hatten. Sie hörten die Schüsse und Befehlsschreie, konnten kaum atmen vom Rauch der brennenden Häuser. Schließlich versteckten sie sich in den Feldern und im Wald; als Enrico Pieri sich abends zurückwagte, fand er seine Mutter und die anderen tot in der Küche.

15 Angehörige hat er verloren an jenem Morgen, als das Böse nach Sant'Anna kam. Was die Waffen-SS angerichtet hatte, erfuhr er erst, als er andere Überlebende traf und versucht hatte, das brennende Elternhaus zu löschen, wie ein Zehnjähriger das eben kann.