Interview: Oliver Das Gupta

Politologe Roland Sturm über das Regieren ohne Bundesratsmehrheit, die Chancen für ein Linksbündnis in NRW - und die schwache FDP.

Roland Sturm ist Ordinarius für Politische Wissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg. Der Professor analysiert Wahlen und beschäftigt sich unter anderem mit dem Föderalismus in Deutschland.

Bundeskanzlerin Angela Merkel NRW-Wahl Westerwelle ddp

Müssen sich künftig bei wichtigen Vorhaben mit der Opposition arrangieren: Kanzlerin Merkel mit Vize Westerwelle (© Foto: ddp)

Anzeige

sueddeutsche.de: NRW hat gewählt, doch es reicht weder für Rot-Grün, noch für Schwarz-Grün. Wer, glauben Sie, regiert künftig das Land?

Roland Sturm: Frau Kraft pocht darauf, Ministerpräsidentin zu werden, das kann sie nur mit Hilfe der Linken. Ob in einer Koalition oder als Partner einer Minderheitsregierung - beides ist möglich.

sueddeutsche.de: Der designierte Linken-Chef Klaus Ernst hat eine Tolerierung einer rot-grünen Minderheitsregierung bereits ausgeschlossen.

Sturm: Inzwischen ist es in anderen Parteien ja Usus, die Landesverbände entscheiden zu lassen. Vergessen Sie nicht: Der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder wollte auch keine rot-rote Koalition im Bundesland Berlin - der SPD-Landesverband setzte sich trotzdem durch. Mal sehen, inwieweit die Linkspartei in NRW von der Zentrale gesteuert wird.

sueddeutsche.de: Läuft die SPD in NRW nun Gefahr, in die Ypsilanti-Falle zu rennen?

Sturm: Kraft hat ja eine Zusammenarbeit mit der Linken nie ausgeschlossen - im Gegensatz zu Andrea Ypsilanti, die sich in dieser Hinsicht zunächst kategorisch gegeben hatte. Außerdem setzen die Politiker darauf, dass sich die Wähler an neue Konstellationen gewöhnen: Das war beim Umgang mit der Linkspartei-Vorgängerin PDS ebenso, wie bei Schwarz-Grünen.

sueddeutsche.de: Eins ist zumindest sicher: Schwarz-Gelb hat keine Mehrheit mehr im Bundesrat. "Durchregieren" kann die Regierung Merkel/Westerwelle nun nicht mehr.

Sturm: Das hat sie ja auch bislang nicht getan. Großprojekte in den Bereichen Steuern und Gesundheit waren stets von Streitereien zwischen Union und FDP begleitet. Denken Sie an die an den Widerstand der CSU gegen die sogenannte Kopfpauschale.

sueddeutsche.de: SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles hat bereits angekündigt, ihre Partei werde im Bundesrat Regierungsvorhaben blockieren. Droht die Bundesregierung bereits nach sechs Monaten eine lame duck zu werden?

Sturm: Die Geschichte zeigt, dass es nicht so kommen muss, ja sogar ganz anders kommen kann. Bundeskanzler Helmut Schmidt regierte gegen einen unionsdominierten Bundesrat - und wird im Nachhinein als "Macher" gefeiert. Die Kanzlerin hat es in der Hand, sich zu arrangieren. Angela Merkel kann sozusagen den Schmidt machen. Die Gesamtlage ist auf jeden Fall zu ernst, um auf den Bundesrat zu verweisen und nichts zu tun.

Lesen Sie auf Seite 2, welche Folgen Politikverdrossenheit im schwarz-gelben Lager haben kann - und was Roland Sturm der FDP nahelegt.

Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite

  1. Sie lesen jetzt "Angela Merkel kann den Schmidt geben"
  2. "Brüderle droht ein zweiter Glos zu werden"
Leser empfehlen