Für bundesweite negative Furore sorgte Rieger allerdings mit seiner Obsession für Immobilien. Rund ein gutes Dutzend großer Häuserkäufe sind bekannt. So besitzt er nicht nur Bauernhäuser und ein Fachwerkhaus in Schleswig-Holstein, sondern auch ein schlossähnliches Anwesen in Schweden, ein ehemaliges Bundeswehrgelände, mehrere Häuser und einen Kinokomplex in Niedersachsen, ein ehemaliges Hotel in Thüringen und ein Mehrfamilienhaus in Hamburg-Harburg.
Anzeige
Zudem vermachten ihm Altnazis wie Gertrud Herr aus Blankenese oder der Bremer Lehrer Wilhelm Tietjen Millionen. Vor einigen Jahren schenkte ihm eine Unternehmerin eines ihrer Häuser in Rodenberg bei Hannover. Riegers Besitz schürte nicht selten Neid in der Szene.
Sorge um die Nachlassregelung
Kaum ein Rechtsextremist sorgte in den letzten Jahren für so viele Schlagzeilen wie Rieger. "Strippenzieher auf Einkaufstour" titelte die Frankfurter Rundschau im Hinblick auf die vielen Orte, in denen er mit einem mehr oder weniger ehrlichem Kaufinteresse vorstellig wurde. Die Financial Times Deutschland schrieb: "Tatort Bruchbude. Wenn Rechtsradikale sich für Immobilien interessieren, geraten Kommunen unter Druck."
In anderen Medien war die Rede vom "braunen Pokerspieler", der mit Hausbesitzern "Hand in Hand" arbeite. Ob in Delmenhorst, Melle, Faßberg oder Warmensteinach - Riegers Name reichte aus, um für Aufruhr zu sorgen. Oft war dabei von einem Deal die Rede. Nachweisen konnte ihm niemand etwas. Jetzt wo er bereits tot ist oder im Sterben liegt - sorgt sich die Szene um seinen Nachlass.
Wenn der umtriebige Neonazi keine testamentarischen Vorkehrungen getroffen hat, dann könnte auch die NPD die finanziellen Folgen zu spüren bekommen. Auch Weggefährte Thorsten de Vries fragt bereits kurz nach dem Schlaganfall in einem Neonazi-Forum, es müsse abgewartet werden, welche persönlichen "Anweisungen" der Kamerad "für den Fall seines Ablebens" getroffen habe.
Ein übervoller Terminkalender
Leise klingen Zweifel durch, ob der Choleriker und hyperaktive Neonazi überhaupt daran gedacht haben mag. "Wer Jürgen kennt, der weiß auch, dass er sich für sein Volk und im politischen Kampf nie selber geschont hat", so de Vries. Der NPD-Chef habe ein Tempo vorgelegt, bei dem "ein 20-jähriger Bursche Schwierigkeiten hätte", mit ihm Schritt zu halten.
So sei er erst am letzten Samstag aus Schweden zurückgekehrt, dann der Vorstandstermin in Berlin und für den 2. November stand bereits die Verteidigung eines der Bandmitglieder von Kommando Freisler wegen Volksverhetzung vor dem Amtsgericht in Herzberg im Harz an. Rieger hatte zweifellos einen übervollen Terminkalender.
"Auch wenn die Frage in dieser schweren Stunde pietätlos erscheinen mag: die nationale Bewegung MUSS ein Interesse daran haben, das Vermögen unseres Vorkämpfers in der Bewegung zu halten" warnt ein Daniel F. im Neonazi-Forum "Altermedia".
F. stellte gestern die Frage: "Wie verhält es sich hier erbrechtlich mit dem Nachlass? Bei uns vor Ort stellt sich bspw. die Frage, ob es gegen geltendes Recht verstößt, wenn wir die uns damals überlassenen Sachen weiterhin dauerhaft nutzen?"
Fragen, die auch die NPD-Spitzen als Darlehensnehmer umtreiben werden. Immerhin besteht die vage Hoffnung, dass durch ein besonnenes Verhalten der Familie Riegers dessen menschenverachtenden Planungen wie die Schaffung eines "Kraft durch Freude"-Museums in Wolfsburg oder ein nationales Schulungszentrum in Faßberg nicht mehr in die Tat umgesetzt werden können.
Die Szene, nie verlegen um Grabenkämpfe und interne Auseinandersetzungen, ist durch Riegers Ausfall in Aufruhr geraten. Fragen und Vorwürfe machen die Runde. Unmut herrscht beispielsweise darüber, warum die NPD keinen Notarztwagen anforderte.
Der Umstand, dass Wulff seinen erkrankten Freund persönlich im eigenen Pkw zur Notaufnahme kutschierte, stößt bei vielen Kameraden auf Unverständnis. "In so einer Situation zählt tatsächlich jede Sekunde", schreibt einer im Internet und mahnt: "Ein Notfallarzt hat wichtige Medikamente dabei." Wie so häufig bei Todesfällen in der eigenen Szene wird dann spekuliert.
Ebenso war es jüngst nach dem Tod von Uwe Leichsenring, Friedhelm Busse, Jörg Haider oder dem nationalistischen Liedermacher Michael Müller. Der User "Heiner" scheint aufzuführen, was viele denken: "Schließlich stehen mittlerweile ziemlich viele Anzeichen im Raum, die darauf hindeuten, dass Rieger Opfer einer Veschwörung wurde!!!"
Sie sind jetzt auf Seite 3 von 3
- NPD: Jürgen Rieger Finanzier der Rechten erleidet Schlaganfall 29.10.2009
- Rechtsextremismus NPD-Chef Voigt wegen Volksverhetzung angeklagt 25.03.2008
- Vor der Bundestagswahl NPD will Migranten-Politiker einschüchtern 22.09.2009
- Schmähung von DFB-Spieler Özil Anzeige gegen NPD-Sprecher 21.09.2009
- Rechtsextremismus Zypries für NPD-Verbot 11.09.2009
- Mai-Randale in Berlin Die Aussichten fürs Wochenende: Gewalt 30.04.2010
- NPD-Vize Sascha Roßmüller Rechts, Rocker - kriminell? 05.03.2010
(sueddeutsche.de/mati/bica)
New Yorker Bürgermeister will Soft-Drinks verbieten