Anders Behring Breivik hinterlässt ein riesiges Manifest. Wer wissen will, warum diese Tat geschah, kann die Gründe erfahren. Breivik verfolgte die Jugendlichen auf kaltblütige Art, denn er brauchte möglichst viele Opfer, um seinem Manifest das Gewicht einer Botschaft zu geben, die niemand ignorieren kann. Die Arbeit, diesen Ernst zu verstehen, darf man sich nicht ersparen - denn dies war nicht die Tat eines Verwirrten.
Immer wenn ein Einzelner eine besonders grausame Tat begeht, wird über seinen Geisteszustand spekuliert. Die psychologischen Deutungen werden auch von dem Bombenanschlag in Oslo und, vor allem, von dem Massenmord an Kindern und Jugendlichen auf der Insel Utøya herausgefordert. Sie sind auch schnell zur Hand. Aber sie haben fatale Folgen: Sie lassen die Gründe und Voraussetzungen der Tat im Nebel eines einzelnen verwirrten Hirns verschwinden.
Bild vergrößern
Dieses Foto von Anders Behring Breivik war auf seiner Twitter-Seite zu sehen. (© AP)
Anzeige
Dabei gäbe es allen Anlass, gerade bei dieser Tat, über die politischen Motive nachzudenken, die zum gewaltsamen Tod von fast hundert Menschen führten - und über das politische Milieu, in dem solche Beweggründe entstehen. Der Täter selbst hat alles getan, um diese Gründe offenzulegen: in der Planung und Durchführung der Anschläge, in der ausführlichen Dokumentation seiner Weltanschauung und seiner Absichten, in den Anweisungen, wie nach seiner Verhaftung (oder nach seinem Tod) mit seiner Botschaft umzugehen sei. Wer wissen will, warum diese Tat geschah, kann die Gründe erfahren. Diese Arbeit darf man sich jetzt nicht ersparen. Nicht des Attentäters wegen. Sondern damit dergleichen nicht noch einmal geschieht.
Die Insel Utøya ist kein einfacher Ferienort. Sie ist, seit vielen Jahrzehnten, Eigentum der "Arbeiterjugendkampfgruppe", der Nachwuchsorganisation der norwegischen Sozialdemokratie. Es dürfte, in Norwegen ohnehin, aber auch in den Nachbarländern, fast keinen führenden Sozialdemokraten geben, der nicht schon dort gewesen wäre. Die Arbeiterpartei wiederum ist nicht nur eine von mehreren norwegischen Parteien. Vielmehr wirkt sie, seitdem sie in den zwanziger Jahren zum ersten Mal den Ministerpräsidenten stellte, als Staatspartei Norwegens - was auch für den Fall gilt, dass sie einmal nicht an der Macht ist.
Das sommerliche Ferien- und Ausbildungslager auf Utøya war - mehr als jede Demonstration zum 1. Mai, mehr als jeder Parteitag - der Ort, an dem ein Attentäter diese Partei zu fassen bekommen konnte. Und wenn, wie auf den Bildern der geretteten Jugendlichen zu erkennen ist, auffallend viele Immigrantenkinder (oder deren Kinder) unter Teilnehmern des Sommerlagers gewesen sein müssen, dann spiegelt sich in diesem Umstand nicht nur die relativ liberale Einwanderungspolitik Norwegens, sondern auch die besondere Rolle, die darin der inoffiziellen Staatspartei als integrierender Instanz zukommt.
In diese Gemeinschaft trat der Attentäter als Herold eines Krieges wider "Kulturmarxismus und Islamisierung", als Vollstrecker einer Mission, die der erste Akt eines Kampfes um die nationale Erneuerung werden sollte, als Ein-Mann-Freikorps und individuelle Verkörperung eines Jüngsten Gerichts über den "Multikulturalismus", der, von liberalem Geist beflügelt und durch die großen politischen Organisationen gesichert, nur ein anderer Ausdruck für den Verrat an Volk und Vaterland sei.
Keine dieser Vorstellungen ist ungewöhnlich. Sie alle gehören zum weithin beliebten rhetorischen Repertoire des Rechtspopulismus und der sogenannten Islamkritik. Selbst die abenteuerlichen Ornamente dieser Überzeugung, das Gerede von Rittern und Kreuzzügen, sind so ungewöhnlich nicht: Sie bilden das Dekor eines Versuches, die Nation in eine geschlossene Glaubensgemeinschaft zu verwandeln. Wobei die Attraktivität einer solchen Gemeinschaft manchem Gelübde zu "abendländischen Werten" deutlich anzumerken ist.
Der große, nein: der gewaltige Unterschied zwischen der landläufigen Kritik des Multikulturalismus und dem Massenmord besteht darin, dass der Weg, der von der Rede zur Tat zurückgelegt werden muss, noch viel weiter ist als die Strecke, die zwischen dem Anprangern echter oder vermeintlicher nationaler Missstände und einem Bekenntnis zu einer ausländerfeindlichen Politik liegt. Bislang konnte oder wollte man sich nicht vorstellen, dass - im Unterschied zu den Fundamentalisten des Islam - im Westen ein christlicher Fundamentalist den Willen, die Konzentration und die Disziplin aufbrächte, diesen Weg tatsächlich zu gehen. Terrorismus und Islamismus schienen fest zusammenzugehören. Anders Behring Breivik aber ist diesen Weg gegangen.
Der Anschlag auf das eigene Volk, die Ermordung der eigenen Leute um einer Läuterungsphantasie willen, gehört zu den Merkmalen des Terrorismus der extremen Rechten. Gewöhnlich, so beim Attentat in Oklahoma City im Jahr 1995, so beim Anschlag im Bahnhof von Bologna 1980, so vermutlich beim Anschlag auf dem Oktoberfest im selben Jahr, ist das Instrument des rechtsextremen Terroristen die Bombe. Anders Behring Breivik aber erschoss die Jugendlichen, die er sich zu Feinden erwählt hatte, und viele von ihnen jagte er einzeln. Aber auch darin steckt weniger ein Wahn als äußerste Konsequenz: Denn jede Eskalation des Mordens muss in der Logik dieses Terroristen als Indiz seiner Entschlossenheit gelten. Er brauchte die Opfer, um seinem Manifest das Gewicht einer Botschaft zu geben, die niemand ignorieren kann. Diesen Ernst zu verstehen - darum geht es jetzt. Denn dies war nicht die Tat eines Verwirrten.
- Thema
- Anschläge in Norwegen RSS
- Extremisten in Norwegen "Breivik ist der erste anti-muslimische Terrorist" 25.07.2011
- Anschläge in Norwegen Das verstörende Manifest des Anders Behring Breivik 24.07.2011
- Massaker in Norwegen Attentäter nennt Anschläge "grausam, aber notwendig" 24.07.2011
- Anschläge von Norwegen: Anders Behring Breivik Die kranke Welt eines Massenmörders 23.07.2011
- Anschläge in Norwegen Mutmaßlicher Attentäter legt Teilgeständnis ab 23.07.2011
- Utøya-Attentäter Breiviks Notrufe bei der Polizei "Wie auf Autopilot" 25.11.2011
- Vernehmungsprotokolle von Anders Behring Breivik Angriff auf Utøya war "Plan B" 18.11.2011
(SZ vom 25.07.2011/mati)
Szene München
"So traurig es ist. Das einzige, was gegen so einen Überfall in Ansätzen hilft, ist die Fähigkeit zur Selbstverteidigung. Aber wer das fordert, bekommt in diesem Land leider nie ein Mikrofon hingehalten."
In den USA sterben jährlich die hundertfache Zahl an Jugendlichen durch Schusswaffen. Ohne so ein "Großereignis".
Ich glaube nicht, daß die Verteilung von Waffen die Zahlen kleiner macht.
Ansonsten ist Ihr Beitrag ja recht ausgewogen, danke.
"Angemessen kann doch nur die Todesstrafe in so einem Fall sein, auch wenn das unpopulär ist."
Ich glaube, die Todesstrafe ist in solchen Fällen sogar sehr populär.
Aber es ist absurd, per Justiz das Töten von Menschen anzuprangern,
indem man selber - ganz sachlich - einen Menschen tötet.
@JSFarinet: Wenn sich Terroristen als Motiv auf ihre Religion berufen,
dann sollte man sich hüten, dieser Religion die Schuld anzulasten.
Das wird an diesem Beispiel beschämend klar.
dww
Was geschehen ist,kann man zwar sehen und auch die Bilder sprechen da ihre Sprache,nur begreifen kann man es nicht. Die Frage steht im Raum warum ? Doch da werden wir werder vom Taeter noch von irgent einen Analysten oder Psyhologen je eine befriedigende Antwort erhalten. Sein Hauptmotiv war Hass,auf alles und jedes wie auch immer,wer die Person des Taeters sieht,der stellt auch fest,er war ein Einzelgaenger. Auch fehlten ihm die sozialen Bindungen auch im eigenen Land. Er war Mitglied oder im Freubndeskreis von rechten und anderen dubiosen Leuten gewesen. Selbst in die Faenge der Freimaurerei begab es sich,doch welchen Zweck sollte das dienen ? Wie auch immer ob es seine vermeindliche Islamfeindlichkeit allein war ? Seine Bombe und sein Morden richtete sich gegen jeden und alles. Da machte er keine Unterschiede,auch das er ein Christlicher Fundamentalist sei,ist dahingestellt,mit Christentum in jeder Hinsicht haben seine Taten nichts zu tun. Man wird noch lange nach demn Motivationen dieser Person suchen muessen,nur Antworten wird man nur sehr wenige finden. Auch zum Schluss die Frage die ich mir gestern gestellt habe,warum brauchte die Polizei ueber eine Stunde um auf die Insel zu kommen. Das auch angesichts der vielen Notrufe der Helfer ? Sie warteten auf ein kleines Boot und dann auf Sondereinheiten. Von Hubschraubern haben sie nichts gehoert und der Tater hatte so Zeit ueber eine Stunde ungestoert zu Morden. Dieser Skandal wird in Norwegen die Oeffentlichkeit noch lange beschaeftigen. Auch macht der Autor einen Ausflug in die Gewaltackte der rechten Zsene in Europa,dass ist kein leichtes Unterfangen,da man von diesen Personen wenig weiss,so wie in diesen Fall auch. Da gibt es zu viele Vermutungen und Behauptungen,nur wirkliches Wissen um die Sache leider sehr wenig.
Wenn der Begriff "christlicher Fundamentalist" abgelehnt wird mit der -richtigen - Begründung, die Taten widersprächen den christlichen Glaubensgrundsätzen (die allerdings, wie die Geschichte lehrt, sehr wandelbar sind), dann muss man konsequenterweise den Begriff auch für moslemische Selbstmordattentäter ablehnen (auf der Seite sehe ich aber nicht diese argumentative Spitzfindigkeit.
Vielleicht wäre der Begriff Integralist besser (also die, die alles wörtlich nehmen - aus der Bibel; Abtreibung als Mord und daraus ein gewaltsames Widerstandsrecht - David - ableiten ... etc. etc etc.)?
Zum Irresein von Behring-Breivik: Wenn man argumentiert, der Täter sei irre, dann kappt man den gedanklichen und sozialen Kontext (und die Untersuchung desselben), in dem er sich bewegt hat. Es ist klar, dass extrem konservative und solche Kreise, die manchen der xenophoben und rassistischen Idee nahe stehen, dass gerne möchten.
Bitte beachten Sie unsere netiquette und unsere AGB
Paging