Norwegen: Die Botschaft des Attentäters Mission Massenmord

Anders Behring Breivik hinterlässt ein riesiges Manifest. Wer wissen will, warum diese Tat geschah, kann die Gründe erfahren. Breivik verfolgte die Jugendlichen auf kaltblütige Art, denn er brauchte möglichst viele Opfer, um seinem Manifest das Gewicht einer Botschaft zu geben, die niemand ignorieren kann. Die Arbeit, diesen Ernst zu verstehen, darf man sich nicht ersparen - denn dies war nicht die Tat eines Verwirrten.

Ein Kommentar von Thomas Steinfeld

Immer wenn ein Einzelner eine besonders grausame Tat begeht, wird über seinen Geisteszustand spekuliert. Die psychologischen Deutungen werden auch von dem Bombenanschlag in Oslo und, vor allem, von dem Massenmord an Kindern und Jugendlichen auf der Insel Utøya herausgefordert. Sie sind auch schnell zur Hand. Aber sie haben fatale Folgen: Sie lassen die Gründe und Voraussetzungen der Tat im Nebel eines einzelnen verwirrten Hirns verschwinden.

Dabei gäbe es allen Anlass, gerade bei dieser Tat, über die politischen Motive nachzudenken, die zum gewaltsamen Tod von fast hundert Menschen führten - und über das politische Milieu, in dem solche Beweggründe entstehen. Der Täter selbst hat alles getan, um diese Gründe offenzulegen: in der Planung und Durchführung der Anschläge, in der ausführlichen Dokumentation seiner Weltanschauung und seiner Absichten, in den Anweisungen, wie nach seiner Verhaftung (oder nach seinem Tod) mit seiner Botschaft umzugehen sei. Wer wissen will, warum diese Tat geschah, kann die Gründe erfahren. Diese Arbeit darf man sich jetzt nicht ersparen. Nicht des Attentäters wegen. Sondern damit dergleichen nicht noch einmal geschieht.

Die Insel Utøya ist kein einfacher Ferienort. Sie ist, seit vielen Jahrzehnten, Eigentum der "Arbeiterjugendkampfgruppe", der Nachwuchsorganisation der norwegischen Sozialdemokratie. Es dürfte, in Norwegen ohnehin, aber auch in den Nachbarländern, fast keinen führenden Sozialdemokraten geben, der nicht schon dort gewesen wäre. Die Arbeiterpartei wiederum ist nicht nur eine von mehreren norwegischen Parteien. Vielmehr wirkt sie, seitdem sie in den zwanziger Jahren zum ersten Mal den Ministerpräsidenten stellte, als Staatspartei Norwegens - was auch für den Fall gilt, dass sie einmal nicht an der Macht ist.

Das sommerliche Ferien- und Ausbildungslager auf Utøya war - mehr als jede Demonstration zum 1. Mai, mehr als jeder Parteitag - der Ort, an dem ein Attentäter diese Partei zu fassen bekommen konnte. Und wenn, wie auf den Bildern der geretteten Jugendlichen zu erkennen ist, auffallend viele Immigrantenkinder (oder deren Kinder) unter Teilnehmern des Sommerlagers gewesen sein müssen, dann spiegelt sich in diesem Umstand nicht nur die relativ liberale Einwanderungspolitik Norwegens, sondern auch die besondere Rolle, die darin der inoffiziellen Staatspartei als integrierender Instanz zukommt.

In diese Gemeinschaft trat der Attentäter als Herold eines Krieges wider "Kulturmarxismus und Islamisierung", als Vollstrecker einer Mission, die der erste Akt eines Kampfes um die nationale Erneuerung werden sollte, als Ein-Mann-Freikorps und individuelle Verkörperung eines Jüngsten Gerichts über den "Multikulturalismus", der, von liberalem Geist beflügelt und durch die großen politischen Organisationen gesichert, nur ein anderer Ausdruck für den Verrat an Volk und Vaterland sei.

Keine dieser Vorstellungen ist ungewöhnlich. Sie alle gehören zum weithin beliebten rhetorischen Repertoire des Rechtspopulismus und der sogenannten Islamkritik. Selbst die abenteuerlichen Ornamente dieser Überzeugung, das Gerede von Rittern und Kreuzzügen, sind so ungewöhnlich nicht: Sie bilden das Dekor eines Versuches, die Nation in eine geschlossene Glaubensgemeinschaft zu verwandeln. Wobei die Attraktivität einer solchen Gemeinschaft manchem Gelübde zu "abendländischen Werten" deutlich anzumerken ist.

Der große, nein: der gewaltige Unterschied zwischen der landläufigen Kritik des Multikulturalismus und dem Massenmord besteht darin, dass der Weg, der von der Rede zur Tat zurückgelegt werden muss, noch viel weiter ist als die Strecke, die zwischen dem Anprangern echter oder vermeintlicher nationaler Missstände und einem Bekenntnis zu einer ausländerfeindlichen Politik liegt. Bislang konnte oder wollte man sich nicht vorstellen, dass - im Unterschied zu den Fundamentalisten des Islam - im Westen ein christlicher Fundamentalist den Willen, die Konzentration und die Disziplin aufbrächte, diesen Weg tatsächlich zu gehen. Terrorismus und Islamismus schienen fest zusammenzugehören. Anders Behring Breivik aber ist diesen Weg gegangen.

Der Anschlag auf das eigene Volk, die Ermordung der eigenen Leute um einer Läuterungsphantasie willen, gehört zu den Merkmalen des Terrorismus der extremen Rechten. Gewöhnlich, so beim Attentat in Oklahoma City im Jahr 1995, so beim Anschlag im Bahnhof von Bologna 1980, so vermutlich beim Anschlag auf dem Oktoberfest im selben Jahr, ist das Instrument des rechtsextremen Terroristen die Bombe. Anders Behring Breivik aber erschoss die Jugendlichen, die er sich zu Feinden erwählt hatte, und viele von ihnen jagte er einzeln. Aber auch darin steckt weniger ein Wahn als äußerste Konsequenz: Denn jede Eskalation des Mordens muss in der Logik dieses Terroristen als Indiz seiner Entschlossenheit gelten. Er brauchte die Opfer, um seinem Manifest das Gewicht einer Botschaft zu geben, die niemand ignorieren kann. Diesen Ernst zu verstehen - darum geht es jetzt. Denn dies war nicht die Tat eines Verwirrten.

Ein Land weint

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