Die SPD verweigert sich in Düsseldorf, weil sie mit der schleichenden Auszehrung der CDU rechnet. Doch will man tatsächlich etwas verändern, braucht es einen radikalen Neuanfang.
Der Rhein wird auch weiter wissen, in welche Richtung er zu fließen hat, selbst wenn das manche nun bezweifeln im Düsseldorfer Landtag. Dort gibt es jetzt ein Notkabinett ohne Mehrheit, und wahrscheinlich wird es Neuwahlen geben.
Bild vergrößern
Hannelore Kraft hat einen interessanten Plan. (© dpa)
Anzeige
Man könne nicht so lange wählen, bis es einem passt, werfen nun die ersten der SPD-Landeschefin Hannelore Kraft vor. Sie gefährde durch ihr Verhalten die Demokratie. Das ist letztlich formaler Unsinn, denn die Demokratie wird nicht gefährdet, selbst wenn noch einmal gewählt werden muss in Nordrhein-Westfalen. Man wird bis dahin sehen, dass ein Bundesland ganz gut auch ohne Regierung bestehen kann, weil das föderale System die Landespolitik zur gehobenen Verwaltung degradiert. Nordrhein-Westfalen funktioniert auch als Staat der Beamten, die sich an Vorschriften halten, nicht an die Wünsche der Bürger.
Will man tatsächlich etwas verändern, dann braucht es keine große Koalition sondern einen radikalen Neuanfang. Hannelore Kraft hat ihn vorgezeichnet, zumindest behauptet, ihn zu wagen. Sie will vor allem ganz andere Schulen, in denen die Kinder mindestens bis zur sechsten Klasse gemeinsam lernen, sie will einen starken Staat, der viele kommunale Aufgaben selbst erledigt, sie will ein Gesetz gegen Dumpinglöhne. Es hat schon fast etwas Idealistisches, mit welchem Verve die SPD die Schulpolitik verändern will. Das mag sinnvoll sein. Es wird es aber einen Aufruhr geben, weil die Eltern zwar wollen, dass alles besser wird, sie aber genauso getrieben sind von der Angst um die eigenen Kinder. Kraft könnte sich also mit ihrer Schulpolitik selbst am meisten schaden.
Alle diese Veränderungen will die CDU nicht, auch wenn sie sich jetzt jeden Tag ein wenig mehr verleugnet und einen weiteren Teil ihres Programmes preisgibt. Man muss befürchten, dass Jürgen Rüttgers dieser Tage unter der geschlossenen Bürotür von Hannelore Kraft hindurchkriechen wird, um noch an der Macht zu bleiben.
Man hat die Situation in Nordrhein-Westfalen immer mit der in Hessen verglichen, die für die SPD traumatisch war. Dort hat Andrea Ypsilanti erst eine Koalition mit den Linken ausgeschlossen und sie dann doch versucht. Ypsilanti ist nun eine Etappe in der Geschichte der SPD geworden, eine Chiffre, wie das Godesberger Programm, nur eine traumatische.
Hannelore Kraft hat sich das ganz genau angeschaut, und man kann sagen, dass ihr größtes Wahlziel war, nicht so zu enden wie die Kollegin in Hessen. Die Zustände sind ohnehin nur bedingt vergleichbar. Ypsilanti hat letztlich gelogen, Kraft hingegen hat ein Links-Bündnis nicht ganz ausgeschlossen, wollte es aber nie, obwohl es ihr die Stimmen brächte, um Ministerpräsidentin zu werden. Selbst wenn Parteichef Siegmar Gabriel eine Minderheitsregierung mit Tolerierung der Linken für eine gute Idee hält - Kraft wird sich damit nicht anfreunden. Sie kann es sich leisten, den Wünschen der Parteiführung zu widerstehen und sagt es den Genossen in Berlin auch ganz deutlich. Sie ist keine Kraftilanti.
Jürgen Rüttgers und die CDU benehmen sich dagegen wie Roland Koch in Hessen. Sie wollen das Problem aussitzen. Rüttgers aber verfügt nicht über die Härte seines Kollegen, die es bräuchte, um Abnutzungsschlachten zu überstehen. Und ihm fehlt das stützende Umfeld. Die Entwicklung in der CDU ist deshalb absehbar: Die Partei ist nicht stark genug, um Rüttgers zu sagen, dass er abgewählt wurde. Sie ist aber ebenso wenig stark genug, um seinen Abgang zu verkraften. So muss sie es mit Rüttgers aushalten, der sich selbst Programm genug ist. Die CDU hat die historische Chance vergeben, etwas zu verändern im tiefrot verkrusteten Nordrhein-Westfalen. Nun bleibt ihr lediglich ein Ergebnis: Die SPD kann wieder behaupten, dass an Rhein und Ruhr das Herz der Sozialdemokratie schlägt.
- Thema
- Landtagswahl RSS
- Regierungsbildung in Nordrhein-Westfalen Merkel wirft Kraft Verantwortungslosigkeit vor 12.06.2010
- Koalitionspoker NRW ohne stabile Regierung 12.06.2010
- Nordrhein-Westfalen Alle wollen die Ampel - vielleicht 09.06.2010
- NRW: Ampel gescheitert Laue Sommernächte machen noch keine Regierung 11.06.2010
- Wahlkampf Linke und CDU kämpfen um Stimmen in Berlin 15.09.2011
- Mecklenburg-Vorpommern Wahlniederlage - Bittere Pille für FDP 05.09.2011
- Video Qual der Wahl für SPD-Mann Sellering 04.09.2011
(SZ vom 14.06.2010)
New Yorker Bürgermeister will Soft-Drinks verbieten
....und die SPD des nassforschen Gabriel kann ein Genosse alter Prägung zum Glück nicht mehr wählen!
Ihr Kommentar zielt auf's vordergründig Pragmatische, reflektiert allerdings wenig, wie Hannelore Kraft und die NRW-SPD politisch innovativ Denkschablonen, Parteipolitikmuster und Verständnisträgheiten durchbrochen haben. Das war selten zuvor so in der Bundesrepublik - das verdient ein kräftiges Chapeau!
Die jetzige Haltung frau Krafts ist in hohem Maße eine Respektshaltung vor dem Souverän Ihres Landes, den Wählerinnen und Wählern. Und gleichzeitig hat Sie ein Lehrbeispiel für demokratisch-transparenten Parlamentarismus abgeliefert, wie es schöner fast nicht sein kann. Damit hat Sie einen außerordentlich wichtigen Beitrag für die politische Bildung in der Bundesrepublik geleistet.
Seit dem Wahltag vor etwas mehr als vier Wochen, wurde naturgemäß spekuliert - aber schlußendlich ist die schrille Reaktion der Bundeskanzlerin, die gleichzeitig ihren Fraktionen Dämpfungsmittel verabreicht, fast adelnd.
Frau Kraft ist unaufgeregt ihren Gang durch das Parlament als Institution gegangen und sagt am Schluß: Wenn Ihr so verbohrt seid, nicht wahrzunehmen, dass wir in erster Linie das Votum des Wählers zu achten habt - ich muss mich - Amt hin oder her - nicht, ausdrücklich nicht - auch um den Preis der Macht nicht - hinstellen, und dazuhelfen, mithilfe fauler Formelkompromisse irgendeine Koalition zusammenzuwursteln, wie Frau Merkel das im Bundestag gemacht hat.
Dafür gebührt Frau Kraft höchste Anerkennung!
Wie gerne würde ich wieder die alte SPD wählen, nur wo ist sie geblieben?
Nur wenn wir nicht nach Inhalten wählen erhalten wir ein parteipolitisches nicht unterscheidbares Konglomerat.
Frau Kraft führt uns das gerade vor: Mit Linken zwar keine Koalition aber regieren aus der Opposition? Da fehlt immer eine Stimme. Muß nun jede Abstimmung geheim sein, damit man behaupten kann, die Stimme komme nicht von den Linken? Kinderkram!
Sie können doch wählen, wen Sie wollen, das tue ich doch auch. Es ist doch schön, dass es in Deutschland eine entsprechende Auswahl gibt!
Ich habe nur Probleme, wenn jemand nicht auch Defizite einer Partei sehen will - ich habe immer und immer und immer wieder geschrieben, dass ich gewiss keine Freundin von Schröder war/bin, dass ich aber auch sehen konnte, dass er ein im wahrsten Sinne des Wortes schweres Erbe von Kohl übernehmen musste.
Mit Müntefering hatte ich immer meine Schwierigkeiten, weil er sich dann auch noch dermaßen an Merkel anpasste, dass für mich nicht mehr klar war, welcher Partei er denn nun angehört.
Die SPD war eine tolle Partei und darf in der Parteinlandschaft nicht fehlen, sie bringt mehr und mehr Ansätze, sich auch die Fehler, die sie gemacht, einzugestehen. Ich gebe vielen Menschen ein zweite und auch dritte Chance, warum sollte ich dies nicht auch bei der SPD tun! Sie kann noch auf einen guten Weg kommen, davon bin ich überzeugt!
Dann müsste das Wahlergebnis schon radikal anders aussehen. Da müssten So viele Wähler zu Hause bleiben, das auch noch kleine Parteien wie die Piraten eine Chance haben. Und vielleicht bleiben ja auch genug Wähler zu Hause.
Paging