Nordkoreanischer Raketentest Kim Jong Uns "Galaxie" brüskiert den Westen

"Galaxie-3" heißt die Rakete, die Nordkorea ins All geschossen hat. Für das kommunistische Land und seinen jungen Führer Kim Jong Un ein Erfolg mit Symbolcharakter. Der Diktator festigt seine Macht im Inneren und zeigt dem Ausland, dass seine Atomwaffen die USA treffen könnten. Zumindest theoretisch.

Von Michael König

Der staatlichen nordkoreanischen Nachrichtenagentur KCNA ist die Meldung einen schnöden Vierzeiler wert. Doch der hat es in sich: Am Mittwoch sei von Nordkorea aus die zweite Version des Satelliten Heller Stern 3 in den Orbit geflogen. Die Unha-3-Rakete (Koreanisch für "Galaxie-3") habe ihr Ziel erreicht, heißt es.

Zwar sind Erfolgsmeldungen aus der Propaganda-Schmiede des kommunistischen Landes mit Vorsicht zu genießen. Doch diese scheint wahr zu sein: Südkorea und die USA bestätigten den Raketenstart und protestierten umgehend. Dies sei ein "hochprovokativer Akt", hieß es aus dem Weißen Haus. Das chinesische Außenministerium nannte den Raketenstart "bedauerlich", Russland äußerte sich ähnlich. Und UN-Generalsekretär Ban Ki Moon wertet den Start als Verstoß gegen UN-Resolutionen, die Nordkorea ballistische Raketentests verbieten.

All das stört Pjöngjang wenig. Das Regime pocht auf sein Recht auf eine friedliche Erkundung des Weltraums. Doch es ist weniger der Satellit, der dem Ausland Sorgen macht, sondern vielmehr die Trägerrakete.

Von Nordkorea bis nach Los Angeles

Der Unha-3 wird zugetraut, auch Atomsprengköpfe transportieren zu können. Die nordkoreanische Eigenentwicklung, mutmaßlich mit Know-how und Technik aus Russland und China gebaut, könnte mit einer Reichweite von bis zu 10.000 Kilometern theoretisch die amerikanische Westküste erreichen. Das nordkoreanische Atomprogramm wird damit für den Westen zunehmend bedrohlich.

Für die Machtelite in Pjöngjang ist das eine gute Nachricht. "Der Raketenstart ist ein großer Erfolg für Kim Jong Un", sagt Rüdiger Frank von der Universität Wien, weltweit einer der führenden Nordkorea-Forscher. Das liege auch am überraschenden Zeitpunkt: Zwar hatte das Regime einen Start angekündigt, das Zeitfenster jedoch zuletzt nach hinten verschoben. Im verfeindeten Südkorea hieß es zuletzt, der Norden müsse die Rakete reparieren, um eine Blamage wie im April 2012 zu vermeiden.

Vier Monate nach seiner Machtübernahme hatte Diktator Kim Jong Un damals westliche Journalisten einfliegen lassen, die anlässlich des 100. Geburtstag seines Vorvorgängers und Großvaters Kim Il Sung einem Satellitenstart beiwohnen sollten. Doch die Rakete explodierte in 70 Kilometern Höhe. Drei vorangegangene Versuche in den Jahren 1998, 2006 und 2009 waren ebenfalls gescheitert.

Rechtzeitig vor dem ersten Todestag des langjährigen Diktators Kim Jong Il am 17. Dezember beweist das Regime nun, dass seine Ingenieure dazugelernt haben. Sein Sohn Kim Jong Un wird davon in mehrfacher Hinsicht profitieren:

  • Signal nach innen: Bei der Machtübernahme Kims im Dezember 2011 galt es als fraglich, ob ihn die Armee stützt. Diese Zweifel scheinen nun ausgeräumt zu sein. "Kim Jong Un zeigt dem Militär, dass er besser ist als sein Vater. Der Glaube an die Modernisierung wird gestärkt", sagt Nordkorea-Experte Frank. Mit 1,2 Millionen Soldaten ist die "Volksarmee" immer noch der entscheidende Machtfaktor in dem kommunistischen Land. Die konventionelle Bewaffnung der Armee gilt jedoch als veraltet. "Deshalb ergibt es Sinn, dass Kim Jong Un auf Superwaffen setzt", sagt Nordkorea-Experte Frank. Schätzungen amerikanischer Wissenschaftler zufolge ist das Land in der Lage, sechs bis zehn Atomsprengköpfe herzustellen. 2006 und 2009 wurden Atomwaffentests öffentlich. Rüstungsexperten bezweifeln jedoch, dass Nordkorea technisch bereits in der Lage ist, nukleare Sprengköpfe auf Langstreckenraketen zu montieren.
  • Zeichen der Unabhängigkeit: Nordkorea ist seit Jahrzehnten international isoliert, die Bevölkerung ist bettelarm. Unwetter und Zwangswirtschaft führten seit 1997 immer wieder zu Hungerkatastrophen. Der Westen hat die desolate Lage immer wieder durch härtere Sanktionen verschärft - in der Hoffnung, das Regime werde im Atomstreit einlenken. Ein Irrtum, wie sich jetzt zeigt. "Die Sanktionen sind Schwachsinn", urteilt Rüdiger Frank. "Hier gilt das alte Sprichwort: Man kann einem nackten Mann nicht in die Taschen greifen."
  • Distanz zum Verbündeten: Ohne den Schutz aus China, so heißt es, wäre das Regime in Nordkorea längst zusammengebrochen. Doch mit dem Raketenstart setzt Kim Jong Un den Partner unter Druck. "Er bedeutet mehr Unabhängigkeit von China", sagt Frank. Pjöngjang werde die Waffe als Druckmittel einsetzen, wenn es nach wirtschaftlicher Hilfe ruft.
  • Test als Verkaufsargument: Nordkorea verkaufe seine Technik an Iran, warnt die Federation of American Scientists in einem Bericht an den Weltsicherheitsrat. Ein erfolgreicher Start der Langstreckenrakete kann daher als Werbemaßnahme betrachtet werden. Die New York Times analysiert unter Berufung auf amerikanische Regierungsquellen, beide Ländern hätten von dem Test gleichermaßen profitiert. Auch Pakistan gilt als möglicher Abnehmer nordkoreanischer Raketen - das Land soll bereits Atomtechnik an Pjöngjang verkauft haben.