Nordkoreanische Delegation in Südkorea Sport statt Spott

Annäherung in Incheon: der Nordkoreaner Hwang Pyong So (rechts) und Südkoreas Premier Chung Hong Won

(Foto: dpa)

Ein Schwimmer klaut eine Kamera, ein Funktionär belästigt eine Offizielle: Bei den Asienspielen geht vieles schief. Die positive Überraschung: Vertreter von Nord- und Südkorea sprechen miteinander.

Von Christoph Neidhart, Tokio

Überraschend ist Hwang Pyong So, der Vizechef der zentralen Militärkommission Nordkoreas und damit der Stellvertreter von Jungdiktator Kim Jong Un, am Samstag in Südkorea aufgetaucht. Zusammen mit zwei weiteren hochrangigen Funktionären nahm er an der Abschlussfeier der Asienspiele in Incheon teil. Der Süden empfing die Delegation betont herzlich, die Regierung führte politische Gespräche mit Hwang, der die Uniform eines Vizemarschalls trug.

Vor der Sportveranstaltung hatte der Norden mit einem Boykott gedroht. Doch schon bei einigen Wettkämpfen kam es zu innerkoreanischen Verbrüderungen. Anders als zu ähnlichen Anlässen hatte der Süden das Cheerleader-Team des Nordens nicht eingeladen. Pjöngjang dagegen wollte sein Fan-Ballett nicht auf eigene Rechnung schicken. Die Polizei verbot südkoreanischen Zuschauern, die Teams des Nordens mit deren Flagge anzufeuern. Ein Mann, der dies im Fußball-Finale der Frauen trotzdem tat, wurde verhaftet. In den Straßen von Incheon fehlte die nordkoreanische Flagge in der Reihe aller anderen Teilnehmerländer. Die Sportler ließen sich davon jedoch nicht bremsen. Im Frauenfußball - die Nordkoreanerinnen gewannen Gold, der Süden Bronze - vermischten sich die zwei Teams nach der Siegerehrung ausgelassen zum gemeinsamen Gruppenfoto.

Die Spiele von Incheon ernteten viel Kritik: Zahlreiche Wettkämpfe fanden vor beinahe leeren Rängen statt, freiwillige Helfer waren schlecht vorbereitet, einige sprangen kurz vor Beginn der Spiele ab. Die Kampfrichter machten Fehler. Ein Funktionär aus Iran belästigte eine südkoreanische Offizielle sexuell, ein japanischer Schwimmer klaute die Kamera eines Pressefotografen. Im 800-Meter-Lauf der Männer wurden die ersten drei disqualifiziert. Die bombastische Schlussfeier vor vollen Rängen machte all dies vergessen.

Abkehr vom gehässigen Propagandakrieg?

Hwang war am Samstagvormittag in Incheon gelandet. Noch vor einem Monat waren direkte Flüge aus Pjöngjang nicht nach Südkorea möglich, Seoul erlaubte sie erstmals für die Athleten aus dem Norden. Hwang traf Südkoreas Premier Chung Hong Won, Vereinigungsminister Ryoo Kihl Jae und Kim Kwan Jin, den nationalen Sicherheitsberater der Präsidentin Park Geun Hyes. Über den Inhalt der Gespräche wurde nichts bekannt.

Choe Ryong Hae, der Chef der nordkoreanischen Mannschaft, dankte Südkorea, es sei den Athleten des Nordens "eine große Hilfe" gewesen. "Ich bin stolz, dass der Sport an der Spitze einer Entwicklung steht, die zur Wiedervereinigung führen kann." Kim Yang Gon, ein Parteifunktionär aus dem Norden, meinte: "Es erfüllt mich mit großer Freude und Stolz für die Nation, dass beide, der Norden und der Süden, mit hervorragenden Leistungen glänzten."

Seit fünf Jahren hat keine hochrangige Delegation des Nordens Seoul besucht. Ein gehässiger Propaganda-Krieg schwelte zwischen den Koreas. Jetzt scheint plötzlich alles anders zu sein. Pjöngjang deutet an, es sei bereit, zu den Sechs-Parteien-Gesprächen über atomare Abrüstung zurückzukehren. Allerdings will Nordkorea sein Atomwaffenprogramm nicht aufgeben. Die Regierung Südkoreas gab am Sonntag bekannt, Pjöngjang habe Seoul den Besuch Hwangs erst am Freitagmorgen vorgeschlagen. Ebenfalls am Sonntag gab das Vereinigungsministerium bekannt, die Nord-Delegation habe dem Süden versichert, Kim Jong Un sei gesund - entgegen anderslautender Meldungen. Der 31-Jährige ist seit mehr als einem Monat nicht mehr im nordkoreanischen Fernsehen gezeigt worden.