Nordkorea veröffentlicht englischsprachiges Web-Portal Höret, Genossen, was Kim Jong Un euch zu sagen hat!

Nordkorea geht in die Propaganda-Offensive: Kurz vor dem 100. Geburtstag des "Geliebten Führers" Kim Il Sung lässt dessen Enkel, der neue Diktator Kim Jong Un, die Website des Zentralorgans der Kommunistischen Partei ins Internet stellen - auf Englisch. Echte Informationen enthält es nicht, das Orakeln über Nordkorea wird dennoch leichter. Die Kim-Kaffeesatzleserei ist jetzt ein Fall für die Schwarmintelligenz.

Von Michael König und Bastian Brinkmann

Es trug sich zu, dass am 4. Mai 2011 der geliebte Führer Kim Jong Il eine Sportanlage einweihte. Da sah er eine Handballtrainerin - und seine Miene verdunkelte sich. In ihrem Gesicht hatte er ein Anzeichen von Krankheit erkannt. Weil die Frau trotz eines unheilbaren Leidens stets ihren Dienst verrichtet hatte, entschied Kim Jong Il, dass sie die beste Medizin bekommen möge. Als sie vom Tode des geliebten Führers erfuhr, verschlechterte sich ihr Zustand rapide. Und so kam es, dass Kim Jong Un sie zur Behandlung ins Ausland schickte - just an jenem Tag, als das Volk trauerte. Mit Tränen in den Augen bestieg sie das Flugzeug.

So steht es in Rodong Sinmun, der "Arbeiterzeitung" Nordkoreas. Die Geschichte von der traurigen Handballerin ist eine der Spitzenmeldungen des Zentralorgans der Kommunistischen Partei des Landes. Wichtiger ist der nur die Nachricht, dass die Gesamtausgabe des Werks von Kim Jong Il, dieses "unvergleichlichen großartigen Mannes und außerordentlichen Theoretikers", kurz vor der Veröffentlichung stehe.

Nach dem Tode des Diktators und der Machtübergabe an seinen Sohn Kim Jong Un steht eine Öffnung Nordkoreas gegenüber dem Westen an. Aber anders, als sich das viele von dem Regime erhofft haben. Die Zeitung Rodong Sinmun gibt es neuerdings auch auf Englisch - im Internet.

Unter der Adresse http://www.rodong.rep.kp/InterEn/ teilt die Partei dem Ausland mit, welche Errungenschaften Nordkorea vorzuweisen hat. Und welche Schlechtigkeiten Südkorea und der Westen. Für nordkoreanische Verhältnisse ist das eine Öffentlichkeits-Offensive größeren Ausmaßes. Bislang hatte die staatliche Nachrichtenagentur KCNA ein Monopol auf englischsprachige Nachrichten aus dem abgeschotteten Land, in dem nur wenige privilegierte Bürger Zugang zum Internet haben. 2010 tauchten zudem Twitter- und Facebook-Konten mit nordkoreanischer Propaganda auf - kurz nachdem Südkorea den Norden beschuldigt hatte, ein Kriegsschiff versenkt zu haben.

Die beiden Länder sind noch immer offiziell im Kriegszustand. Südkoreanern ist es durch das Nationale Sicherheitsgesetz verboten, Kontakt zum Norden aufzunehmen oder das Regime in Pjöngjang zu loben. Entsprechend sperrte der Süden den Zugang zum Online-Auftritt der Rodong Sinmun.

Während die KCNA-Website eher ein Sammelsurium bloßer Schlagzeilen ist, entspricht das Portal der Rodong Sinmun optisch durchaus westlichen Standards. Thematisch ist die Seite untergliedert in drei Bereiche: Nachrichten aus der Partei, interkoreanische Nachrichten sowie internationale Beziehungen. Die Print-Ausgabe, so berichtet der 2002 aus Nordkorea geflohene Journalist Joo Seong-ha, sei sehr ähnlich aufgebaut.

In seinem Blog beschreibt Joo Seong-ha die Zeitung Rodong Sinmun als Teil der "Gehirnwaschmaschine", die das Regime betreibe. Die "ideologische Stärke" komme für Pjöngjang noch vor militärischer und ökonomischer Stärke. Daher sei die gelenkte Presse von besonderem Wert. (Ins Englische übersetzt steht seine Analyse in drei Teilen hier und hier und hier.)

Die Agenda der Medien stamme direkt aus der staatlichen Propaganda-Abteilung, schreibt Joo Seong-ha. Das führe dazu, dass sich der Inhalt der Texte auf den ersten Seiten von Ausgabe zu Ausgabe kaum unterscheide. Vom Diktator besonders gewünschte Stücke seien mit einem schwarzen Rahmen versehen. Weil Kim Jong Il Werbung gehasst habe, sei die Zeitung weitgehend frei von Anzeigen. Ähnlich wie beim Militär sei die Redaktion streng hierarchisch gestaltet.

Die Auslandsberichterstattung befasst sich zum einen mit Südkorea. "Faschistische" Justizbehörden des Südens hätten eine Wiedervereinigungs-Aktivistin einsperren wollen, weil sie der Trauerfeier zu Ehren Kim Jong Ils beigewohnt habe, schreibt die Zeitung beispielsweise. Dabei sei es der südkoreanische Präsident Lee Myung Bak, der bestraft werden müsse, weil er die Staatstrauer gestört habe. Zum anderen werden Nachrichten aus befreundeten Staaten wie China und Russland präsentiert.

Die Zahl ausländischer Analysten und Blogger, die aus der nordkoreanischen Propaganda vermeintliche Informationen über den Zustand des Regimes herauszulesen versuchen, könnte dank der englischsprachigen Website noch einmal steigen. "Mehrere Dutzend" verdienten sich allein in Seoul mit dem Studium Nordkoreas ihren Lebensunterhalt, schrieb die Washington Post 2010. Die Zahl verdreifache sich, wenn auch Regierungsangestellte und Wissenschaftler in Peking, Tokio und Washington berücksichtigt würden.

Einfacheres Lesen im Kaffeesatz

Einige dieser Experten seien 2003 jedoch sicher gewesen, dass der Diktatorensohn Kim Jong Chol seinem Vater an der Spitze des Staates nachfolgen würde. 2007 sei behauptet worden, Kim Jong Nam sei der Auserwählte - während dieser nach einem missglückten Ausflug nach Japan bereits im Exil lebte. Statt ernsthafter Vorhersagen würden meist "begründete Vermutungen" veröffentlicht, kritisierte die amerikanische Zeitung und riet zu mehr Vorsicht.

Dank der englischsprachigen Ausgabe der Rodong Sinmun ist die Kaffeesatzleserei nun mehr denn je ein Fall für die Schwarmintelligenz der Internet-User. Womöglich lässt sich auf diesem Wege klären, welche Krankheit die geheimnissvolle Handballtrainerin hatte. Weshalb sie für das Regime so wertvoll ist, dass sie zur Behandlung ins Ausland durfte. Und um welches Ausland es sich dabei handelte.

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