Die Bombe als Lebensversicherung: Nordkoreas Diktator Kim Jong Il ist so schwach, dass er versucht, sich mit seiner Säbelrasselei zu stabilisieren.
Nach der Atomexplosion wird viel spekuliert über Motive und Ziele des nordkoreanischen Herrschers Kim Jong Il, der gerne als durchgeknallt, bizarr oder erratisch bezeichnet wird.
Soldaten demonstrieren auf dem Kim-Il-Sung-Platz in Pjöngjang die militärische Stärke Nordkoreas. (© Foto: AFP)
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Der Umgang mit seinem Regime löst einen Grusel aus, die Verschrobenheit des Landes und seines Regenten weckt voyeuristische Gelüste. Nordkorea ist, politisch betrachtet, Terra incognita, ein unerforschtes Land.
Nirgendwo auf der Welt findet sich noch ein Staatsvolk, das so perfekt abgeschottet ist von der Moderne, nirgendwo werden Menschen so sehr unterdrückt und der Gehirnwäsche ausgesetzt.
Bei Nordkorea verhält es sich wie mit einem gerade entdeckten brasilianischen Urwaldstamm: Die Menschen betrachten das Phänomen in einer Mischung aus Neugier und Angst. Neugier, weil diese Lebensformen ja fast ausgestorben sind auf der Erde. Angst, weil das Fremde und Entrückte eben unheimlich ist in einer hochzivilisierten und vernetzten Welt.
Angst aber muss vor Nordkorea niemand wirklich haben. Ungeachtet aller berechtigten Empörung in Südkorea und Japan will das Regime seine Nuklearwaffen mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht gegen seine Nachbarn einsetzen. Das wäre selbstmörderisch. Nordkorea strebt auch nicht nach regionaler Vorherrschaft - das Regime ist auf sich selbst konzentriert und wird China, das seine Nachbarschaft still dominiert, nicht in die Quere kommen. Warum dann also die Bombentests?
Die Bombe als Lebensversicherung
Bei der Detonation von Montag handelt es sich nicht um Spielereien eines an mangelnder Aufmerksamkeit leidenden Diktators. Seine Logik funktioniert anders: Nordkorea ist so schwach, dass es sich mit seiner Säbelrasselei selbst stabilisiert. Kim Jong Il benutzt die Bombe als Lebensversicherung. Und da sein politisches Leben offensichtlich den Zenit überschritten hat, braucht er die Detonation umso mehr zur Sicherung seiner verbliebenen Macht und zur Steuerung des Wechsels hin zu einem Nachfolger.
Nordkorea ist eine Diktatur im Übergang. Das unterdrückerische Regime nähert sich einem kritischen Augenblick, in dem über seine Lebensfähigkeit entschieden wird. Die Welt außerhalb der hermetisch abgeriegelten Grenzen verändert sich in atemberaubendem Tempo, vor allem an der Nordgrenze, wo selbst die traditionell armen chinesischen Provinzen einen rapiden Wandel durchleben.
All diese Veränderungen sind vor dem nordkoreanischen Volk nicht geheimzuhalten. Vor allem aber kann das Land nicht mehr der dynamischen Wirtschaftsentwicklung in seiner Nachbarschaft folgen. Weil das Marktgefälle zu groß ist, wachsen die Probleme. Rohstoffe selbst aus China werden zu teuer, einen Exportmarkt gibt es praktisch nicht.
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Stefan Kornelius schreibt:"Angst aber muss vor Nordkorea niemand wirklich haben. Ungeachtet aller berechtigten Empörung in Südkorea und Japan will das Regime seine Nuklearwaffen mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht gegen seine Nachbarn einsetzen. Das wäre selbstmörderisch. Nordkorea strebt auch nicht nach regionaler Vorherrschaft - das Regime ist auf sich selbst konzentriert und wird China, das seine Nachbarschaft still dominiert, nicht in die Quere kommen." Einmaliger Kommentar? Nein, das hat die Welt bereits so ähnlich schon einmal lesen dürfen. In der London Times 1938 in bezug auf Deutschland und die "Operettendiktatur". Angst muss vor Nordkorea wirklich niemand haben? Nun, hier in Deutschland mag das sogar stimmen. Ich habe das meinen süd-koreanischen und japanischen Kollegen eben einmal erzählt, in der Hoffnung, dass diese dann etwas konzentrierter arbeiten. Jow, da ist Freude ausgebrochen. Die waren dann richtig beruhigt. Denn, wenn Herr Kornelius das schon sagt, na dann ist alles wieder in Ordnung und man kann den tausenden von Meilen entfernten Verwandten dann erzählen, dass hier in Deutschland Kommentatoren angesehener Zeitungen sagen, dass man keine Angst haben müsse. Das beruhigt. Ich glaube, das nennt man Realitätsverweigerung. Ich frage mich nur, wie wir eigentlich reagiert hätten, wenn die DDR damals ein Nuklearprogramm aufgelegt und in der Lausitz freudig Nukleartests vorgenommen hätte. Wie hätten wir wohl reagiert, wenn wir dann in einer -sagen wir -japanischen Zeitung- einen entsprechenden Kommentar hätten lesen dürfen? Wirklich großer Jounalismus!
Ich stimme Herrn Kornelius weitgehend zu. Allerdings sehe ich in Nordkorea nur einfach nur eine Eiterbeule. Die hat nichts faszinierendes, die gehört einfach nur entfernt.
Herr Kornelius hat es selbst zusammengefaßt. Nordkorea destabilisiert die Sicherheitslage überall auf diesem Planeten, in dem es bereit ist Raketen und Nukleartechnologie an jeden zu liefern. Aber auch die Lieferung konventioneller Waffen und Munition in die Krisenregionen dieser Welt muss unterbunden werden.
Kim Jong Il braucht Militär, Sicherheitsdienst und den Parteiapparat um das Volk unter Kontrolle zu halten. Aber er muss auch in der Lage sein, seine Elite bei Laune zu halten. Von den halbverhungerten und von klein auf indoktrinierten Nordkoreanern hat das Regime dabei wenig zu befürchten. Anders sieht das aus, wenn das Regime seine Soldaten nicht mehr ernähren kann. Und wenn den Generälen die japanischen Pornovideos ausgehen. Dann hat er echt ein Problem.
Wie Herr Kornelius ganz richtig bemerkt hat, bricht dem Regime der Markt weg. Die Industrieproduktion Nordkoreas ist weltweit kaum marktfähig. Devisen für dringend benötigte Rohstoffe erwirtschaftet nur noch der Waffenhandel. Nordkoreas Industrie ist lebenswichtig für den Erhalt der Armee. Aber auch diese Industrie geht auf dem Zahnfleisch. Für dringend nötige Modernisierung ist kein Geld da und vor allem Russland ist nicht länger bereit dem Regime Technologie zu schenken. Und so kann auch die Qualität von Gewehren und Munition nicht mit der Qualität der Produkte der ehemaligen Ostblockstaaten und Chinas mithalten. Dazu kommt, das etliche ehemalige Ostblockstaaten ihre Arsenale aufgrund einer Annäherung an die NATO auf westliche Waffensysteme umstellen. Der auf dem Weltmarkt angebotene Surplus ruiniert die Preise.
Die südkoreanische Regierung hat die Lebensmittelhilfe für den Norden eingestellt. Das trifft natürlich die hungernde Bevölkerung am stärksten, aber es erschwert auch die Versorgung der 4,2 Millionen Soldaten. Also versucht es der Diktator mit Erpressung. Der Diktator glaubt, das der Süden einfach zu viel zu verlieren hat und nachgeben wird. Die Drohung mit einem Angriff ist deshalb real. Allen Beschönigungen der Amerikaner zum Trotz. Man hätte Nordkorea nicht so weit kommen lassen dürfen. Dieses Regime wird nicht leise kollabieren. Es wird Amok laufen.
Interessante Sichtweise. Indes glaube ich, daß hinter dem Säbelgerassel auch noch was anderes steckt.