Die Töne im Streit zwischen Pjöngjang und Washington um das nordkoreanische Atomwaffenprogramm werden immer schriller. Nordkoreas Despot Kim Jong Jl droht mit "totalem Krieg", US-Politiker sehen bereits Atompilze über amerikanischen Städten aufsteigen.
(SZ vom 25.7. 2003) - Der "Sitzkrieg" zwischen Nordkorea und den USA kostet zunehmend Nerven. Kaum ein Tag vergeht ohne neue Hiobsbotschaften und Schlagzeilen über das Atomwaffenprogramm Pjöngjangs.
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Selbst das Bild einer pilzförmigen Wolke über New York oder Washington wird heraufbeschworen.
"Das Nuklearprogramm Nordkoreas bedeutet die unmittelbar bevorstehende Gefahr, dass Atomwaffen in amerikanischen Städten detonieren werden", warnte der ehemalige US-Verteidigungsminister William Perry kürzlich in der Washington Post. Der Mann gilt sonst als besonnen.
Spekulationen schießen ins Kraut
Genaue Informationen über das, was das geheimniskrämerische Nordkorea treibt, hat niemand. Stattdessen schießen die Spekulationen ins Kraut.
Einen Tag behauptet die New York Times, Nordkorea habe Geheimdienstberichten zufolge eine bisher unbekannte Wiederaufbereitungsanlage in einem Bergschacht versteckt. Tags darauf zitiert die Washington Times andere Beamte mit der Aussage, das sei nicht wahr.
Der Grund für die Aufregung sind Berichte, dass Nordkorea mit der Wiederaufbereitung von 8000 gebrauchten Brennstäben aus seinem Reaktorkomplex in Yongbyon begonnen habe.
Wie viele bereits verarbeitet worden sind, ist zwar unklar. Doch amerikanische Spionageflugzeuge sollen Medienberichten zufolge in der Luft über Nordkorea das Spurenelement Krypton 85 nachgewiesen haben, das bei der nuklearen Wiederaufbereitung entweicht.
Pjöngjang selbst hat behauptet, es habe bereits alle 8000 Brennstäbe aufbereitet.
Allerdings glaubt kaum noch jemand Nordkoreas Erklärungen.
Mutmaßungen über den Bombenbesitz
Es ist also möglich, dass Nordkorea wieder mit der aktiven Erzeugung waffenfähigen Plutoniums begonnen hat. Zwar weiß niemand genau, ob Pjöngjang bereits primitive Atombomben besitzt und falls ja, wie viele; ein bis zwei Bomben ist die am häufigsten kolportierte Schätzung.
Die neue Plutoniumproduktion, so wird nun befürchtet, könnte dieses mutmaßliche Arsenal innerhalb weniger Monate zumindest verdoppeln.
Die Wiederaufbereitung würde also eine erhebliche Eskalation des Konfliktes bedeuten.
Damit - so die Befürchtung - könnte Nordkorea bald genug Bomben haben, um sich offen zur Atommacht zu erklären oder gar einen ersten unterirdischen Test durchzuführen. Oder es könnte - Albtraum der US-Regierung - Plutonium an Terroristen oder Drittländer verkaufen.
Trotz dieser Zuspitzung aber macht die Suche nach einer diplomatischen Lösung der Krise keinerlei Fortschritte. Noch immer ist unklar, wann es zu neuen Verhandlungen zwischen den USA und Nordkorea kommt, und in welchem Rahmen.
China versucht, neue Dreier-Gespräche zwischen Washington, Pjöngjang und Peking auszurichten.
Doch selbst wenn diese tatsächlich "innerhalb weniger Wochen" stattfinden sollten, wie der britische Premier Tony Blair kürzlich in China erfahren haben will, so ist deren Ausgang mehr als ungewiss.
Wer sich an einen Tisch setzt, muss sich deshalb noch nicht unbedingt etwas zu sagen haben.
USA verharren in der alten Position
Die USA scheinen weiter auf ihrer bisherigen harten Position zu beharren, die Nordkorea eine ganze Reihe von Vorleistungen abverlangt. "Wenn es zu einer neuen Verhandlungsrunde kommt, wird unsere Position so sein, wie sie seit dem letzten Sommer gewesen ist", zitierte die Nachrichtenagentur Reuters einen US-Beamten.
Nordkorea müsse nicht nur die Entwicklung von ABC-Waffen und Raketen aufgeben, sondern auch noch seine konventionellen Truppen reduzieren und die Menschenrechte beachten, bevor Washington seinerseits zu irgendwelchen Zugeständnissen bereit sei.
Diese Forderung hat eine politische Pattsituation geschaffen, denn sie ist aus nordkoreanischer Perspektive nicht akzeptabel. Nordkorea fühlt sich von den technisch überlegenen südkoreanischen und amerikanischen Truppen in Südkorea bedroht. Die Rhetorik des US-Präsidenten beunruhigt Pjöngjang zusätzlich.
George Bush hat Nordkorea in die "Achse des Bösen" eingereiht und dem Journalisten Bob Woodward anvertraut, er "verachte" den nordkoreanischen Diktator Kim Jong Il.
Der könnte im Gegenzug beschlossen haben, dass er mehr Atomwaffen zur Verteidigung seines Landes und Regimes braucht. Zumindest droht er damit.
"Die US-Imperialisten sind darauf aus, den Irak-Krieg auf der koreanischen Halbinsel zu wiederholen", schreibt die nordkoreanische Nachrichtenagentur KCNA. Doch das sei nur der "Naivität" jener zuzuschreiben, die nicht wüssten "wie ein echter Krieg aussieht".
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