Von Christoph Neidhart

Der aufflammende Konflikt mit Südkorea könnte der Militärführung im Norden noch mehr Macht in die Hände spielen. Denn niemand weiß, wie aktionsfähig Diktator Kim Jong Il noch ist.

Aus Verärgerung über die Kursänderung in der Politik Südkoreas ist die Führung Nordkoreas wieder auf radikale Abschottung eingeschwenkt. Vom 1. Dezember an soll die Grenze zwischen beiden Staaten vollständig abgeriegelt werden. Die Rot-Kreuz-Kontakte - und damit die einzigen Telefonverbindungen für die Bürger - wurden am Mittwoch von Nordkorea mit sofortiger Wirkung abgebrochen.

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Geteiltes Land: Südkoreanische Touristen betrachten den Diamond Mountain in Nordkorea vom Unification Observation Point in Goseong. (© Foto: AP)

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Propagandaballone mit Dollarnoten

Die stalinistische Führung reagierte damit auf die Unterstützung Südkoreas für eine Resolution der Vereinten Nationen, in der Menschenrechtsverletzungen im Norden verurteilt werden. Die Regierung in Pjöngjang warf Seoul "konfrontatives Verhalten" vor, Seoul habe "die Gefahrenschwelle überschritten". Die Beziehungen zwischen den beiden koreanischen Staaten sind nach zwei Gipfeltreffen damit wieder auf einem Tiefpunkt angelangt.

Südkoreas Präsident Lee Myung Bak verletze jene Abkommen, welche bei den innerkoreanischen Gipfeln unterzeichnet worden seien. Insbesondere regt sich das Regime im Norden über die großen Propaganda-Ballone auf, die südkoreanische Aktivisten mit Flugblättern und Dollar oder Euro über die Grenze fliegen lassen. Sie wollen Nordkoreaner zur Flucht animieren.

Keine plärrenden Lautsprecheranlagen mehr

Solche Propaganda, einst vor allem über enorme Lautsprecheranlagen, die Agitation über die verminte Grenze hinweg plärrten, war bis zum ersten Gipfel im Juni 2000 üblich. Bei jenem Treffen vereinbarten die beiden Koreas, darauf künftig zu verzichten. Lees Regierung sagt, sie könne nichts gegen die Aktivisten tun, diese starteten ihre Ballone von außerhalb der Grenzzone. Während der Amtszeiten der vorigen beiden Präsidenten hatte die Polizei solche Aktionen verhindert.

Schon bisher war die Grenze alles andere als offen: Nur zwei Straßenübergänge und eine Bahnverbindung durchbrechen die knapp 250 Kilometer lange Linie, an der mehr als eine Million Soldaten stehen. Die Straßen wurden in den vergangenen Jahren geöffnet, die Bahnlinie offiziell erst im Herbst 2007.

Im Norden droht eine neue Hungersnot

Auf ihr verkehrt ein einziger Güterzug täglich in die ökonomische Sonderzone bei Kaesong, der grenznahen Stadt im Norden. Dort beschäftigen Firmen aus Südkorea derzeit etwa 100.000 Nordkoreaner: zu Löhnen, die zehn Mal geringer sind als in Südkorea. Zur Zeit leben und arbeiten 1600 Südkoreaner in der Sonderzone, dazu besuchen täglich etwa 200 die Wirtschaftsenklave im Norden.

Obwohl Nordkorea bereits vorige Woche Militär in die Sonderzone schickte und mit der Schließung drohte, glaubte Lees Regierung, der Norden, dem eine neue Hungersnot droht, könne es sich wirtschaftlich nicht leisten, die Beziehungen zu Seoul abzubrechen. Bisher hat Seoul die täglichen Attacken gegen Lee und frühere Warnungen ignoriert. Auch deswegen, weil der Norden mehrmals schon verbales Sperrfeuer vorausgeschickt hat, bevor man dem Süden entgegenkam.

Der Hardliner Lee, der auch in innersüdkoreanischen Konflikten keine Neigung zum Kompromiss zeigt, war dagegen, dass die USA Nordkorea von der Liste jener Staaten gestrichen hat, die den Terrorismus unterstützen. Als Reaktion ließ er den Ton gegen den Norden verschärfen.

Selbst in Lees Regierung befürchtet eine Minderheit, die gegenwärtige Eskalation könnte im Norden eine Eigendynamik auslösen, die der Militärführung noch mehr Macht in die Hände spielt. Oder schon gespielt hat. Niemand weiß, wie krank Nordkoreas Diktator Kim Jong Il ist. Er scheint am 13. August einen Schlaganfall erlitten zu haben und dürfte seither zwar entscheidungsfähig, aber wahrscheinlich behindert sein.

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(SZ vom 13.11.2008/jkr)