Nordkorea am Geburtstag Kim Jong Ils Wie eine ineffiziente Diktatur so lange überleben kann

Lieber arm als fremdbestimmt: Das offenkundige Versagen Nordkoreas bei der Versorgung der Bevölkerung verzeihen die Bürger ihrer Staatsführung aus ideologischen Gründen. Und auch wenn das Land nach dem Machtwechsel erstarrt wirkt: Eine Million Handynutzer, private Autos und Frauen mit gefärbten Haaren zeugen von Veränderung.

Ein Gastbeitrag von Rüdiger Frank

Ein Jahr nach dem Ende der DDR war ich für ein Sprachsemester in Nordkorea. Am 16. Februar 1992 wurden wir Ausländer in eine große Halle in der Innenstadt von Pjöngjang gefahren. Drinnen fand die Feier zum 50. Geburtstag von Kim Jong Il statt, damals noch designierter Nachfolger seines Vaters Kim Il Sung. Gegen Ende trat der Botschafter aus Libyen vor und sang mit wackligen Kopftönen ein endloses Loblied auf den Jubilar. Kim Jong Il ertrug die Darbietung mit stoischer Miene.

Zwei Jahrzehnte später gibt es Gaddafis Regierung nicht mehr. Ähnliches hatte man auch für Nordkorea erwartet. Doch allen Problemen zum Trotz lebt die Herrschaft der Familie Kim fort; Pjöngjang feiert an diesem 16. Februar den "Tag des aufsteigenden Sterns" - den 70. Geburtstag des vor zwei Monaten verstorbenen Kim Jong Il.

Die Demokratische Volksrepublik Korea hat den Zusammenbruch des Ostblocks überlebt und eine dramatische Nahrungsmittelkrise, den Tod des Staatsgründers und nun auch den seines Sohnes. An der Spitze des Landes steht Kim Jong Un, ein junger Mann von nicht einmal 30 Jahren, dessen äußere Erscheinung bewusst an frühe Bilder seines Großvaters erinnern soll.

Der Führungswechsel in Nordkorea hat ein überdimensioniertes westliches Medieninteresse hervorgerufen. Verantwortlich dafür sind das Atomprogramm und ein fragwürdiger Unterhaltungsfaktor, der sich aus den bizarren Bildern des Landes und seiner Führung speist. Es fällt uns schwer, die hartnäckige Überlebensfähigkeit dieses als ineffizient, repressiv und byzantinisch geltenden Systems zu begreifen.

Ein Erfolgsfaktor ist ideologischer Natur und tief in der koreanischen Geschichte verwurzelt. Kim Il Sung und seinen Nachfolgern ist es gelungen, den Sozialismus von seinem rationalen Kern zu befreien und die Überreste mit dem hoch emotionalen ethnozentrischen Nationalismus koreanischer Prägung zu verbinden. Daher hat das offenkundige Versagen des Staates bei der Versorgung der Bevölkerung nicht die gleiche Wirkung wie seinerzeit in der DDR, obwohl der Mangel an Reis weit dramatischer ist als jener an Bananen.

Lieber arm als fremdbestimmt - das ist das Credo. Die elementare Bedeutung der Existenz äußerer Feinde für die innere Stabilität schränkt den Kooperationsspielraum mit Südkorea, Japan und den USA erheblich ein und lässt militärische Zwischenfälle in einem anderen Lichte erscheinen. Ein Notstandsregime braucht den Notstand.

Bedeutsam ist auch die zunehmende strategische Unterstützung durch China. 2011 haben sich Nordkoreas Exporte zum Nachbarn mehr als verdoppelt, die Importe stiegen um knapp 40 Prozent. Der Anteil Chinas am Außenhandel stieg auf 83 Prozent. Pjöngjang versucht, den Handel mit dem Westen zu intensivieren und so aus der Abhängigkeit von Peking zu entrinnen; solange der Westen an seinen Sanktionen festhält, wird dies aber unmöglich sein.

Auch ist es Nordkorea bislang gelungen, das in allen autokratischen Systemen bestehende Legitimitätsproblem zu lösen. Man hat sich lange gegen die kollektive Führung durch Partei und Politbüro entschieden und auf den einzelnen Führer gesetzt. Doch die erfolgreiche Nachfolge durch einen Sohn des Vorgängers setzt eine hinreichende Vorbereitung und auch Akzeptanzbereitschaft des Volkes voraus. 1994 hat das recht gut funktioniert; für 2012 sind Zweifel angebracht.

Denn Nordkorea ist eine Gesellschaft im Wandel. Es erscheint heute noch absurder als zuvor, die Bevölkerung als Armee hirnloser Roboter anzusehen. Aus einem Land, in dem alle bis auf die oberste Führung mehr oder weniger gleich arm waren, ist eine ausdifferenzierte Gesellschaft geworden.

Der Staat hat in den vergangenen zehn Jahren dem Markt mehr Raum zugestanden. Entsprechend hat sich das Verhalten der Bevölkerung verändert. Auch für die lange per Ration versorgten Nordkoreaner rückt nun der individuelle Gelderwerb ins Zentrum.

Widersprüche sind dadurch unumgänglich. Sogar im Staatsfernsehen sieht man Frauen mit Spuren von Schönheitsoperationen, gefärbten Haaren und südkoreanischen Frisuren; dies sind allesamt explizit vom Staat verurteilte Zeichen von Dekadenz. Es gibt private Autos, knapp eine Million Handynutzer, private Restaurants mit exquisiten Speisen - gegen Devisen. Wer all dies hat, will mehr. Wer es nicht hat, fragt sich, warum.

Die spirituelle Einheit des Vaters und des Sohnes

Kim Jong Un steht vor einer schwierigen Aufgabe: Er muss der Oberschicht die Macht garantieren, der Mittelschicht die Sicherung des Wohlstandes zusagen und den Massen den Aufstieg verheißen. Zugleich muss er die Kontinuität zu seinen Vorgängern betonen - sie ist derzeit seine einzige Legitimitätsquelle.

Erst später wird er sich auf echte oder vermeintliche Erfolge berufen können. Die erste Bewährungsprobe hat er überstanden, denn die Vorbereitung der Nachfolge war offensichtlich unzureichend. Erst Ende September 2010 wurde Kim Jong Un öffentlich präsentiert. Noch im November 2011 gab es nur elf Artikel in der staatlichen Presse mit seinem Namen. Erst nach dem Tod seines Vaters wurde er zum Nachfolger erklärt - von der Partei, die als Königsmacherin erhebliche Macht hat. Kim Jong Ils Sarg war mit der Parteifahne bedeckt, nicht mit der Staatsflagge.

Mit Tempo wird nun nachgeholt, wofür Jahre eingeplant waren. Kim Jong Il wird posthum auf einen Sockel gehoben, den er zu Lebzeiten bewusst abgelehnt hat. Er regierte als einzig wahrer Prophet seines Vaters; für ihn war das die politische Lebensversicherung.

Die wird nun auf Kim Jong Un umgeschrieben. Man betont die spirituelle Einheit des Vaters und des Sohnes, die nebeneinander aufgebahrt liegen. Nun wird Kim Jong Ils Göttlichkeit propagiert; seine erste Statue ist schon in Vorbereitung. Religiöse Vergleiche drängen sich auf.

Kim Jong Un bereist derweil intensiv das Land, zeigt Präsenz und setzt damit eine alte Herrschaftstradition fort. Seine zunächst hastig vollzogene Integration in den Kanon des nationalistischen Führerkults erhält nun ihren Feinschliff. Am Ende darf man eine Verfassungsänderung und einen Parteitag erwarten. Vorerst wird er mit Titeln und Superlativen bedacht, während im Hintergrund das Postengerangel abläuft.

Viele Nordkoreaner werden sich auch an diesem Feiertag ihren Teil dabei denken und das Ergebnis klugerweise für sich behalten. Jedenfalls so lange, wie sie ihre wirtschaftlichen Interessen gewahrt und die Zukunft als gesichert ansehen.

Rüdiger Frank, 43, wuchs in der DDR und der Sowjetunion auf und studierte unter anderem in Pjöngjang. Er ist Professor für Wirtschaft und Gesellschaft Ostasiens an der Universität Wien und gilt als einer der besten westlichen Nordkorea-Kenner.

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