Von Christoph Hickmann

Der Müllwerker Herr B. bekommt einen Netto-Stundenlohn von 4,90 Euro. Er gibt sich größte Mühe, davon zu leben - doch das ist alles andere als einfach.

Herr B. hat das Papier jetzt auf den Tisch gelegt und sieht es sich noch einmal an. Er hat es aus einem Aktenordner genommen, es stehen viele Zahlen darauf, die Herr B. nun vor sich hinmurmelt. "Meine Abrechnung" hat er vorher gesagt, doch man könnte das Blatt vor ihm auch die Papierform seines eigenen täglichen Korsetts nennen; die Zahlen darauf haben den vergangenen Monat des Herrn B. nicht nur geprägt, sondern sozusagen definiert.

Ein Müllwerker im Dienst - in manchen Fällen lohnt sich die Arbeit kaum. (© Foto: dpa)

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"Brutto-Netto-Bezüge für Februar 2006" steht oben auf dem Blatt, und die Zahlen darunter bedeuten unter anderem, dass Herr B. an den Wochenenden nicht in die Stadt gefahren ist, weil er den Sprit nicht bezahlen konnte, dass er sich außerdem schon in der Monatsmitte Geld leihen musste, erst vom Vater, dann von der Großmutter, und dass auf seinen Kontoauszügen nun wieder eine höhere Zahl hinter dem Minus steht. Obwohl er, auch das kann man auf dem Papier lesen, im Februar mehr als 215 Stunden gearbeitet hat, fast 50 in der Woche. Zu je 6,80 Euro. Brutto.

Zeitarbeitsfirmen ermöglichen Niedriglöhne

Netto hat das für Herrn B., 28 Jahre alt, ledig, keine Kinder, ein bisschen mehr als 1000 Euro ergeben, die er Mitte März auf dem Konto hatte. Herr B. ist das, was man einen Niedriglöhner nennt - zieht man ab, was am Monatsende abzuziehen ist, verdient er 4,90 Euro mit jeder Stunde, in der er Mülltonnen vom Straßenrand zum Müllwagen schiebt, sie leert und zurückstellt, fünf Tage pro Woche in einem Landkreis in Deutschlands Süden.

Genauer solle man das bitte nicht schreiben, hat der Müllwerker B. gesagt, auch nicht seinen Namen und den der Zeitarbeitsfirma, die ihn bezahlt. Vor ein paar Monaten hat sie den Auftrag von einem anderen Entsorger angenommen, der dem Landkreis zuvor ein sehr günstiges Angebot gemacht hatte - im Wissen darum, dass die eigenen Arbeiter für dieses Angebot zu viel verdienten. Also griffen sie auf Zeitarbeiter zurück, die selbst zu Tariflöhnen noch deutlich billiger zu haben sind.

"Bei uns verdienen die Leute ja beinahe das Doppelte", sagt der Betriebsratsvorsitzende des Müllunternehmens, aber darüber sollten sie mit den Leiharbeitern nicht sprechen. Durchgesickert ist es trotzdem, und weil die Zeitarbeiter keinen eigenen Betriebsrat hatten, forderten sie selbst vom Chef mehr Geld, so erzählt das Herr B.: "Wer mehr verdienen will, soll sich einen besseren Job suchen, hat der uns gesagt. Und jetzt halten alle das Maul. Klar, ich auch."

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