Niedersachsens Tierschutzministerin Die Ministerin und die leidenden Puten

Niedersachsens Tierschutzministerin Grotelüschen setzt auf Massentierhaltung. Mehr noch, ihr werden enge Beziehungen zu Betreibern von Mastanlagen zugesagt, in denen Tiere unsagbar leiden.

Von Jens Schneider

Wenn von Ministern die Rede ist, wird deren Ressort meist schnell auf einen kurzen Nenner gebracht. Also firmiert die 45 Jahre alte Astrid Grotelüschen gemeinhin als Landwirtschaftsministerin. Tatsächlich führt sie in Hannover das Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft, Verbraucherschutz und Landesentwicklung. Nicht erwähnt wird im Titel der Tierschutz, für den sie auch zuständig ist. Das allein finden so manche Tierschützer empörend, weil es den geringen Stellenwert des Anliegens deutlich mache.

Bei Grotelüschen sehen sie gar einen unverantwortlichen Widerspruch: Die Christdemokratin passe nicht in dieses Amt, weil ihre Familie eine große Putenbrüterei betreibt, klagten Kritiker schon bei ihrer Ernennung im April. Die Grünen warnten, sie solle wohl das "grauenhafte Markenzeichen der Massentierhaltung" der niedersächsischen Landwirtschaft stärken. Jetzt hat ein Bericht des ARD-Magazins "Report Mainz" Tierschützer aufgebracht, während die Ministerin empört von ungerechtfertigten Vorwürfen spricht. Ihr Sprecher beklagt eine "Kampagne".

Laut dem Bericht soll es zu "tierquälerischer Putenhaltung" bei Mästern gekommen sein, die in enger Geschäftsbeziehung zur Mastkükenbrüterei Ahlhorn stünden. Diese Brüterei gehört dem Ehemann der Ministerin, sie selbst war bis zu ihrem Amtsantritt Geschäftsführerin. Die Mutter von drei Söhnen hat ihre Wurzeln in der Landwirtschaft, sie wuchs im Rheinland auf dem Hof ihrer Großeltern auf. Ihr Studium in Bonn schloss sie 1990 als Diplom-Oecotrophologin ab.

Während eines Praktikums lernte sie in Ahlhorn ihren Mann kennen, bald stieg sie in den Familienbetrieb ein. Der hat sich seit den 1960er-Jahren auf die Elterntierhaltung und Brut von Puten spezialisiert. Nach der Wende investierte der Betrieb in Mecklenburg, Grotelüschen war oft dort. Ihr Engagement in der CDU begann sie vor zehn Jahren als Beisitzerin im Gemeindevorstand Großenkneten. 2009 errang sie ein Direktmandat für den Bundestag, ein halbes Jahr später wurde sie Ministerin.

Die Vorwürfe dürften nun die emotionale Debatte über Massentierhaltung weiter anfachen. Das TV-Magazin zeigte - von Tierschützern aufgenommene - Bilder von verletzten und sterbenden Tieren, die sich gegenseitig Federn und Augen ausgepickt haben. Damit konfrontiert, nannte Grotelüschen dies "nicht wünschenswert". Verantwortlich sei sie nicht: "Wir sind als Betrieb nicht an Mastbetrieben beteiligt, wir sind eine Mastputenbrüterei." Mit den Betrieben in Mecklenburg habe sie nichts zu tun. Laut den Behörden in Mecklenburg wird in den Anlagen ordnungsgemäß gearbeitet. Ihr Ministerium hat Zweifel an der Authentizität der Aufnahmen.

Für die Tiermast im großen Stil will die Ministerin weiter werben. Sie unterstützt offensiv den umstrittenen Bau der größten Hähnchenschlachterei Europas in Wietze im Kreis Celle. Nach dem Brandanschlag auf einen Maststall für 36.000 Hähnchen in Buchholz rief sie jetzt Landwirte auf, weiter auf die Mast zu setzen. Solange es Bedarf für günstiges Fleisch gebe, sei es "richtig, weitere Mastställe zu bauen".