Nicaragua Am Rande des Bürgerkriegs

In Masaya lieferten sich am Wochenende hunderte Jugendliche Straßenschlachten mit der Polizei. Fünf Menschen wurden dabei getötet.

(Foto: Inti Ocon/AFP)

Die Proteste gegen die Regierung eskalieren erneut - bislang sind mehr als hundert Menschen umgekommen.

Bei Massenprotesten in Nicaragua gegen Präsident Daniel Ortega sind am Samstag mindestens sechs Menschen getötet worden. In der Stadt Masaya kamen bei gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Regierungsgegnern und Sicherheitskräften nach Angaben des nicaraguanischen Menschenrechtsverbands ANPDH fünf Menschen um, darunter ein 15-jähriger Junge und ein Beamter der Geheimpolizei. In der Hauptstadt Managua wurde ein 48-jähriger US-Bürger von regierungstreuen Demonstranten getötet, wie die amerikanische Botschaft mitteilte.

Die Demonstranten fordern die Absetzung von Ortega, der seit 2007 an der Macht ist. Dem Präsidenten wird selbstherrlicher und autoritärer Regierungsstil vorgeworfen. Die Proteste hatten sich Mitte April ursprünglich an einer geplanten Erhöhung der Sozialversicherungsbeiträge entzündet. Ortega nahm diese teilweise zurück. Der ehemalige Guerillakämpfer regiert Nicaragua seit elf Jahren, einen Rücktritt lehnt er weiter ab. Sein Mandat endet im Januar 2022.

Aktivisten machen die Sicherheitskräfte und regierungsnahe Schlägertrupps für die anhaltende Gewalt verantwortlich. Ortega weist alle Vorwürfe zurück, wonach paramilitärische Einheiten im Auftrag der Regierung gegen die Demonstranten vorgingen. Er beklagte eine "Verschwörung" der Opposition. Vize-Polizeichef Francisco Díaz warf "kriminellen Gruppen" vor, Regierungsanhänger in Managua mit Waffen und Granaten angegriffen zu haben.

In mindestens sechs Städten, darunter Managua und Masaya, kam es zu Plünderungen und Bränden, wie die Polizei mitteilte. Aus mehreren Städten berichteten Bewohner, dass Sicherheitskräfte Zerstörungen angerichtet hätten. In Masaya errichteten Hunderte Jugendliche Barrikaden gegen eine vermutete Offensive der Polizei. Die Demonstranten bewarfen die Einsatzkräfte mit Sprengsätzen und Steinen. Die Polizei antwortete mit Tränengas und offenbar scharfer Munition. Bewohner der Stadt suchten Schutz in ihren Häusern.

Seit dem Beginn der Massenproteste in Nicaragua am 18. April wurden nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen und der Polizei mehr als hundert Menschen getötet. Die Vereinten Nationen bezeichnen die Entwicklung in dem mittelamerikanischen Land als besorgniserregend. Der Geschäftsführer des Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat, Michael Heinz, sprach von bürgerkriegsähnlichen Zuständen. "Die gnadenlose Brutalität, mit der die Regierung auf die Proteste reagiert, ist erschreckend."