Von Wolfgang Koydl

(SZ vom 25.9.2001) - Mal sind es sechs Monate, mal sind es vier Jahre, und manchmal kann man gar den Ruf hören: "Noch zehn Jahre".

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Wo immer New Yorks Bürgermeister Rudolph Giuliani in diesen Tagen auftritt, in der Trümmerwüste von Manhattan, im Kapitol in Washington, oder im vollen Yankee-Stadion, folgen ihm diese Rufe.

Eigentlich läuft seine Amtszeit Ende des Jahres aus, aber die Bürger wollen ihn nicht gehen lassen: Giuliani soll bleiben - entweder für eine Übergangsfrist, oder für eine dritte Amtszeit, oder praktisch gleich für immer.

Giuliani ist in den Tagen der Not und des Notstandes wahrlich über sich hinausgewachsen - er war immer präsent, hat getröstet, Mut zugesprochen oder einfach nur Fragen beantwortet. Als New Yorks Bürger vom Terror bis ins Mark erschüttert wurden, blickten sie auf zu "Rudy the Rock", Rudy dem Felsen.

Als Heldenbürgermeister titulierte ihn Frankreichs Staatspräsident Jacques Chirac, und in der Tat: So sehr hat Giuliani an Statur gewonnen, dass die vier demokratischen und zwei republikanischen Kandidaten, die sich um seinen Posten bewerben, noch zwergenhafter wirkten als schon vorher.

Am Dienstag gehen sie in die Vorwahl, die ursprünglich für jenen Schwarzen Dienstag, als der Terror zuschlug, angesetzt war.

Aber nur wenige Wähler sind von der Auswahl beeindruckt. Die wundersame Glorifizierung Giulianis ist umso bemerkenswerter, als der krebskranke Bürgermeister in den letzten Monaten fast nur durch unschöne Skandale von sich reden machte.

In ihrem Mittelpunkt standen ein Liebesverhältnis und die daraus resultierende schmutzige Scheidung von seiner Ehefrau Donna Hanover.

Der war es sogar gelungen, den Bürgermeister aus seiner offiziellen Residenz zu werfen, woraufhin Giuliani ausgerechnet bei einer homosexuellen Wohngemeinschaft Unterschlupf fand.

Alles vergeben, alles vergessen; sogar jener New Yorker Journalist, den Giuliani auf einer Pressekonferenz äußerst unfein als "jerk" bezeichente - ein recht drastisches Schimpfwort - hätte nun vermutlich nichts dagegen, wenn der Bürgermeister für eine dritte Amtszeit kandidierte.

Das Problem ist nur, dass die geltenden Gesetze dies ausschließen: New Yorks gewählte Repräsentanten müssen nach höchstens zwei Amtsperioden abtreten. Als dieses Limit Anfang der neunziger Jahre verabschiedet wurde, hieß einer seiner eifrigsten Fürsprecher Rudolph Giuliani.

Mittlerweile sieht er dies - getragen von den schier unglaublichen Umfragewerten - deutlich anders. In den ersten Tagen nach der Katastrophe zeigte sich der ansonsten bis zur Ruppigkeit selbstbewusste Mann seltsam unsicher und verwirrt, wenn man ihn auf das Thema einer dritten Amtsperiode ansprach.

Bei Larry King, dem Top-Talkmaster der Nation, geriet er fürchterlich ins Stottern, als er beteuerte: "Also ich weiß nicht, wirklich, ich kann das nicht wissen, ich weiß es nicht, ich kann das jetzt nicht sagen." Entschieden hat er sich noch nicht.

"Ich hatte noch keine Zeit, mich mit dieser Frage auseinander zu setzen", war alles, was er der New Yorker Presse am Montag mitteilte - eine Antwort, die jede Variante einschließt.

Freilich wäre es nicht damit getan, wenn Giuliani selbst seine Kandidatur für die Wahlen im November erklärte. Dazu müsste zunächst einmal das Wahlgesetz geändert werden, und dies fällt in die Zuständigkeit der beiden Parlamente des Bundesstaates New York sowie des Rates der Stadt New York.

In all diesen Häusern verfügen Giulianis demokratische Opponenten über die Mehrheit. Die Demokraten indes haben es noch nicht verwunden, dass der Republikaner Giuliani ihnen vor acht Jahren die Kontrolle über die Stadt entwand.

Vorsorglich warnten einige der demokratischen Bürgermeisterkandidaten die Wähler denn auch davor, bei der Vorwahl Giulianis Namen zusätzlich auf den Wahlzettel zu schreiben, weil dies eindeutig verfassungswidrig sei.

Giuliani bleiben freilich andere Möglichkeiten: So wünschen sich manche, dass er seinen Ruhm dazu nützen möge, die Olympischen Sommerspiele 2012 nach New York zu holen.

Andere sind realistischer: Nach ihren Vorstellungen wäre Giuliani der beste Mann, um die mit weit reichenden Vollmachten ausgestattete Kommission zu leiten, die Manhattan wieder aufbauen soll.

Dieser Job würde vermutlich auch ihm am besten gefallen: Denn dann hätte er so viel Macht, dass es gleichgültig wäre, wer unter ihm Bürgermeister von New York ist.

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